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Für eine bessere Spendenkultur
2/20/2012 von Karin Burger
Archivtext

Deutscher Tierschutzbund e. V.

Fragwürdige Nähe zur Industrie

Ja: 22!
Bild:© Doc RaBe-Fotolia.com

Der größte deutsche Tierschutzdachverband präsentiert sich mit den wesentlichen Transparenzetiketten, die verfügbar sind: Er führt das Spendensiegel des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI), er ist Mitglied im Deutschen Spendenrat und darf das Logo der Initiative Transparente Zivilgesellschaft benutzen. All diese Etiketten setzt der Deutsche Tierschutzbund (DTB) werbend ein und verspricht auf seiner Website: „Transparenz ist für uns mehr als ein Lippenbekenntnis.“ Stimmt das? Zwar mag dieser Megaverband den Kriterien genügen, die bilateral auf die Kommunikation zwischen den diversen Transparenzhütern und deren zertifizierte Mitgliedsvereine ausgerichtet sind. Doch was nützt das dem Spender und Tierfreund, wenn ganz wichtige Fragen an den DTB unbeantwortet bleiben? Warum dürfen Spender nicht erfahren, ob der neue Präsident ehren- oder hauptamtlich tätig ist? Wie nahe steht der DTB dem Futtermittelkonzern Mars Petcare und der Fachmarktkette Fressnapf? Eine große Presseanfrage durch CharityWatch.de an den Verband mit 22 Fragen wurde leider nicht beantwortet.

Nähe zu Konzernen. Besonders interessant ist die Verbindung des DTB zum Futtermittelkonzern Mars Petcare und der Fachmarktkette Fressnapf. Diese Nähe erhält durch die veterinärmedizinische Kritik am Fertigfutter für Hunde und Katzen besonderes Gewicht. Deshalb wäre es interessant zu wissen, wie viele Spenden der DTB von dem Futtermittelkonzern Mars Petcare pro Jahr erhält. Und die sind wohl nicht unerheblich, beziffert doch allein eine Pressemitteilung von Fressnapf zum Bavaria Dog Day 2011 stolze 76.000 Euro als Spende der Marken Pedigree und Whiskas. Doch die CW-Frage an den DTB zum jährlichen Spendenbetrag von Mars Petcare wurde nicht beantwortet.

Widersprüche? Dabei hat sich der DTB beim Thema Großsponsoren schon in der Vergangenheit in Widersprüche verwickelt. In einer Presseanfrage aus Oktober 2011 hatte CharityWatch.de auf eine Spende der Fachmarktkette Fressnapf in Höhe von 182.000 Euro Bezug genommen. In diesem Zusammenhang lautete die CW-Frage: „Gibt es weitere solche Großspenden (also Spenden im 6stelligen Bereich) von Industrie, Wissenschaft und Forschung an den Deutschen Tierschutzbund e. V.?“ Der Hinweis auf 6stellige Beträge war mit Bedacht gewählt, denn gemäß den üblichen Transparenzkriterien gelten sonst nur Spenden, die mehr als zehn Prozent der Gesamteinnahmen eines Vereins ausmachen, als Großspenden. Davon würden bei rund 8,5 Millionen Einnahmen im Jahr 2010 erst Zuwendungen in Höhe von über 850.000 Euro erfasst. Auf diese präzise Frage antwortete der DTB seinerzeit mit einem klaren „Nein“. Dieses Nein steht jedoch im Widerspruch zu den Verlautbarungen von Fressnapf selbst. In einer Pressemitteilung vom 31. Juli 2011 hatte das Unternehmen ausdrücklich darauf hingewiesen, den DTB seit 15 Jahren „mit Sach- und Geldspenden im Gesamtwert von jährlich 500.000 Euro“ zu unterstützen. Ausgehend von dieser Angabe wären dem DTB auch 2011 neben den schon genannten 182.000 Euro weitere Beträge in einer 6stelligen Gesamtsumme zugeflossen. Doch der DTB behauptet im Oktober 2011, keine weiteren 6stelligen Beträge erhalten zu haben. Die Bitte von CW in der Presseanfrage vom Dezember 2011, dazu Stellung zu nehmen, war ebenfalls erfolglos.

Tierschutzzentrum Weidefeld. In einem CW vorliegenden Spendenaufruf kommt das Tierschutzzentrum Weidefeld vor. Das ist eine vom DTB im Norden Schleswig-Holsteins unterhaltene Einrichtung, in der unter anderem im Lissi-Lüdermann-Haus unter der Leitung von Dr. Katrin Umlauf verhaltensauffällige Hunde resozialisiert werden sollen. Die Broschüre „Helfen Sie den Hunden in Weidefeld!“ führt die anfallenden Kosten auf: 25 Euro für Hilfsmittel pro Hund, 58 Euro für die tierärztliche Behandlung von zwei Hunden im Monat und „198 Euro werden wöchentlich pro Hund für teure Medikamente, Futter und intensives Training benötigt“. Auffallend an dieser Listung ist der hohe Betrag von rund 200 Euro, der an erster Stelle mit den Kosten für Medikamente, erst nachfolgend für Futter und Training, begründet wird. CW hatte den DTB gefragt, was das denn für Medikamente seien, die so teuer sind? Ob die Hunde im Tierschutzzentrum Weidefeld regulär mit Medikamenten behandelt würden? Ob diese Hunde nicht gesund seien? Ganz konkret erging die Frage, ob verhaltensproblematische Hunde dort nicht primär einer Verhaltenstherapie unterzogen, sondern medikamentös behandelt würden? In dem Zusammenhang stand auch die CW-Frage, ob der DTB oder das Tierschutzzentrum Weidefeld von der pharmazeutischen Industrie finanziell oder in anderer Weise gesponsert werden. All diese wichtigen Fragen beantwortet der Deutsche Tierschutzbund nicht.

Ehrenamt? Üblicherweise sind die Vorstände von Tierschutzvereinen ehrenamtlich tätig. Dass für einen so großen Verband wie den DTB diesbezüglich andere Regelungen gelten können, ist zunächst plausibel. Warum aber eine derart banale Frage nicht beantwortet wird, entzieht sich dieser Plausibilität. Tatsächlich räumt die Satzung in der Fassung von September 2009 unter Paragraf 10 „Präsidium“ für den Präsidenten eine hauptamtliche Tätigkeit ein, „sofern die Mitgliederversammlung bei dieser Wahl oder während einer Amtsperiode zugestimmt hat“. Insbesondere angesichts der Tatsache, dass der im Oktober 2011 neu gewählte Präsident des DTB, Thomas Schröder, zuvor jahrelang als hauptamtlicher Geschäftsführer tätig war, wäre eine hauptamtliche Tätigkeit als Präsident zumindest naheliegend. Doch die Fragen von CharityWatch.de in einer großen Presseanfrage im Dezember 2011, ob Schröder ehren- oder hauptamtlicher Präsident sei und wenn er hauptamtlich gewählt wurde, welche Bezüge er für seine Tätigkeit erhält, blieben unbeantwortet.

Reaktionen der Transparenzhüter. CW hat die oben genannten Institutionen, welche mit ihren Siegeln und Mitgliedschaften die Transparenz der Vereine versprechen, mit der Auskunftsverweigerung des DTB konfrontiert und um Stellungnahmen gebeten. Das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) erklärt, dass die Spenden-Siegel-Leitlinien zwar umfangreiche Auskunfts- und Offenlegungspflichten enthalten, den Organisationen aber nicht vorschreiben, alle möglichen Fragen von Journalisten zu beantworten. Das DZI bewertet die Reaktion des DTB als Einzelabwägung. Christian Humborg von Transparency International reagiert ähnlich. Die Auskunftsverweigerung des DTB falle nicht unter die Regeln, die Voraussetzung für die Verwendung des Logos der Initiative Transparente Zivilgesellschaft sind. Mit ähnlicher Terminologie wie beim DZI heißt es weiter: „In dem von Ihnen beschriebenen Fall liegt keine Nichteinhaltung der Regeln vor, sondern es handelt sich um eine Frage der Geschäftspolitik des Deutschen Tierschutzbundes, zu der wir nicht Stellung nehmen können und wollen.“

Deutscher Spendenrat. Daniela Felser, Geschäftsführerin des Deutschen Spendenrats, verweist in ihrer Presseantwort an CW zuerst auf die einzuhaltende Selbstverpflichtungserklärung: „Außerhalb der im Deutschen Spendenrat e. V. eingegangenen Verpflichtung kann jede Organisation frei entscheiden, wie sie mit Wünschen und Anfragen von außen, also auch mit Ihren Presseanfragen umgeht.“ Diese Auskunft erstaunt deshalb, weil unter Punkt IV der Grundsätze des Spendenrats zum Punkt Information und Berichtswesen definiert ist: „Bei Informationsbedarf und auf Nachfragen von Mitgliedern, aber auch von außenstehenden Dritten erfolgt eine zeitnahe, wahrhaftige und auf die Zielgruppe abgestellte Rückmeldung.“ Dieser Grundsatz passt irgendwie nicht zu Felsers Antwort und noch viel weniger mit dem dokumentierten Verhalten des Spendenratmitglieds Deutscher Tierschutzbund zusammen.

CW-Meinung. Die verheißungsvoll prangenden Siegel und Logos der verschiedenen Institutionen, welche die Transparenz von Vereinen dokumentieren sollen, erweisen ihren wahren Wert eben erst in der täglichen Praxis. Wie fragwürdig eine ausgewiesene Mitgliedschaft im Deutschen Spendenrat erscheint, haben die Porträts verschiedener DSR-Mitgliedsvereine auf CharityWatch.de schon mehrfach belegt. Der Fall Deutscher Tierschutzbund leuchtet aber auch die Grenzen des DZI-Spendensiegels sowie des Logos Initiative Transparente Zivilgesellschaft aus. Und wenn die institutionalisierten Transparenzhüter der Öffentlichkeit das Recht darauf absprechen, erfahren zu dürfen, ob der Präsident des DTB haupt- oder ehrenamtlich tätig ist, wie massiv eventuell große Futtermittelkonzerne in den Tierschutz hineinagieren und warum in einem so genannten Tierschutzzentrum pro Hund und Woche knapp 200 Euro für Medikamente und anderes anfallen, dann ist das eine „Transparenz“ ohne großen pragmatischen Wert.

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