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12/2/2011 von Karin Burger
Archivtext

Tierschutzverein Tieroase Marburg-Gießen e. V.

Tierschützer mit rechten Sympathien

Bild: © unitypix - Fotolia.com

So genannte Tierschutzverteiler sind ein essenzieller Kommunikationsstrang der Tierschützer untereinander. Täglich gehen über die teilweise riesigen Verteiler die verschiedensten Meldungen und Notrufe aus der Tierschutzszene. In letzter Zeit werden diese Verteiler zunehmend allerdings auch für politische Botschaften benutzt. Vergangene Woche ließ Anita Weber von der Tieroase Marburg-Gießen die Meldung über einen Vorfall aus dem Jahr 2003 mit einem Veterinär über einen solchen Verteiler verschicken. Dabei verwendete sie Texte und Sprache des Bund freier Bauern, auf den auch verlinkt wurde. Vorsitzender dieses „Bunds“ ist Martin Dembowsky, ein ehemaliger NPD-Funktionär in Hamburg.

Schächten. Der Mailbetreff lautete: „Schlimmer als Schächten“. Weder der Fall noch das Video haben mit Schächten irgendetwas zu tun, aber die Bezugnahme auf diesen umstrittenen und religiös begründeten Ritus ist typisch für die rechte Szene. Die Vorsitzende des Tierschutzvereins Tieroase Marburg-Gießen, der Mitglied im Deutschen Tierschutzbund e. V. ist, beginnt die Mail mit einem Warnhinweis dahingehend, den Ton des ebenfalls verlinkten Videos leise zu stellen und den Film nur anzuschauen, „wenn man die Nerven dazu hat“. Im weiteren Verlauf der mit dem E-Mail-Absender Tieroase Marburg-Gießen und mit dem Namenszug Anita Weber versehenen Mail wird dann ein Text benützt, der so auf der Website des Bunds freier Bauern steht.

Marburger Veterinär. Im Text und im Video geht es um einen Amtstierarzt aus Marburg, der beim Schlachten zweier Schweine gezeigt wird. Das Video zeigt in der Tat nur schwer erträgliche Bilder; der Tötungsvorgang zieht sich mehrere Minuten hin. Dass sich das alles schon 2003 ereignete, davon ist in der Mail keine Rede und vom Leser nur dann zu bemerken, wenn er den Datumstempel auf dem Video beachtet. Im weiteren Text wird massiv und pauschalisiert gegen Veterinärbehörden Stimmung gemacht. Bauern werden grundsätzlich als Opfer der Behörden dargestellt. Der Text dann weiter: „Wenn ein Amtstierarzt dagegen 7 Minuten lang an einem vor Schmerzen schreienden Schwein herumstümpert, dann funktioniert die Kumpanei der Staatsorgane zu Lasten des Gesetzes!“ Unter Angabe der Telefonnummer und E-Mail-Adresse des betreffenden Veterinärs werden die Leser des Tierschutzverteilers dazu aufgerufen: „Wenn Sie mit Herrn Dr. B. [Name von der Red. gekürzt] persönlich über den Fall reden wollen, können Sie dies unter folgender Telefonnummer tun: […]“

Bund freier Bauern. Zum Ende des im Original von der Website des Bund freier Bauern übernommenen Textes wird dann auf diese verlinkt. Aber die wenigsten Tierschützer werden wissen, was es mit diesem Bund freier Bauern auf sich hat. Zum einen handelt es sich nicht um einen „Bund“ oder Verband oder ähnliches im weitesten Wortsinne. Der Bund freier Bauern ist noch nicht einmal ein eingetragener Verein, auch wenn sich Martin Dembowsky im Impressum der Homepage als 1. Vorsitzender bezeichnet. Dembowsky selbst war als NPD-Größe in Hamburg bekannt. Dort kandidierte er 2005 für diese Partei bei der Bundestagswahl. Zum anderen hat dieser Nicht-Bund auch keine Mitglieder oder ein anderweitig erkennbares Mandat, die Interessen von Landwirten zu vertreten.

Contra Veterinärämter. Die gesamte Website ernährt sich hauptsächlich von der Kritik an dem Marburger Veterinär und diversen Rechtsverfahren. Wo die Absichten des Bundes jedoch liegen, ist rasch erkennbar in der Rubrik „Wer wir sind“: „Im Bund freier Bauern haben sich Menschen zusammen geschlossen, die erkannt haben, daß der deutsche Bauer sich entweder zur Wehr setzen muß oder aber sein Existenzrecht verlieren wird.“ Oder an anderer Stelle: „Die Geschichte der Landwirtschaft in den letzten 50 Jahren ist eine Geschichte der zielgerichteten Zerschlagung der deutschen Landwirtschaft.“ Bauern litten unter einer „Verordnungsanarchie“ und müssten statt „der modernen Leibeigenschaft“ den „politischen Kampf um unsere Freiheit und Gleichberechtigung wählen“.

Inaktiv? Martin Dembowsky erklärt im Gespräch mit CW, seit 2006 nicht mehr Mitglied der NPD zu sein. Auf die nicht zutreffende Eigenetikettierung als erster Vorsitzender angesprochen, weicht er auf den Hinweis aus, der Bund freier Bauern sei ursprünglich als Verein gedacht gewesen. Im Übrigen, so Dembowsky gegenüber CW weiter, mache politische Arbeit in einer Partei auch deshalb keinen Sinn, weil wir nicht in einer Demokratie lebten. Wie ernst das Inaktivitätsbekenntnis des früheren NPD-Kandidaten zu nehmen ist, dazu äußern sich Experten der rechtsextremen Szene kritisch. Derzeit seien aber keine nach außen wirksamen Aktivitäten von Dembowsky feststellbar.

Sympathisierende Tierschützer? Warum schickt ein Verein des Deutschen Tierschutzbundes e. V. einen Text des Bund freier Bauern zu einem acht Jahre alten Vorgang über den Tierschutzverteiler? Steht der Vorstand der Tieroase Marburg-Gießen rechtsextremen Parteien und Organisationen nahe oder sind Vorstandsmitglieder Mitglied in solchen Verbindungen? Diese Fragen sind berechtigt, nur werden sie leider von den Verantwortlichen des Vereins nicht beantwortet. Eine entsprechende Presseanfrage blieb ohne Resonanz. Die zweite Vorsitzende Bianca Kurz verweist auf den Krankenstand von Anita Weber. Die fragliche Mail jedoch, unterzeichnet von der ersten Vorsitzenden, wurde genau in dieser Zeit über den Verteiler geschickt. Obwohl auch der zweiten Vereinsvorsitzenden die Presseanfrage schriftlich vorgelegt wurde, will sie sich nicht dazu äußern.

Noch mehr Fragen. Dabei gibt es nicht nur zu den Hintergründen dieser pikanten Tierschutzverteiler-Mail jede Menge Fragen. Warum setzt sich bei der Tieroase Marburg-Gießen fast der gesamte Vorstand nur aus zwei Familiennamen zusammen: Allein vier Vereinsfunktionäre tragen den Namen Weber; zwei heißen Kurz. Sind diese miteinander verwandt oder verschwägert? Dieser Verein unter dem Dach des Deutschen Tierschutzbundes führt Auslandshunde aus Spanien ein: „Preis auf Anfrage“, heißt es in den Vermittlungsanzeigen. Welchen „Preis“ die Pflegestellen jedoch zu entrichten haben, das kann jeder auf der Vereinswebsite lesen: „Unsere Pflegestellen tragen die Futterkosten während der Dauer der Pflege.“ Auch über eine Mitgliedschaft werden Tierfreunde vermutlich nicht auf diesen Verein einwirken können, denn im Internet sind nur Anträge auf eine Fördermitgliedschaft herunterzuladen. Eine Satzung gibt die Website nicht preis.

CW-Meinung. Der gesamte Vorgang des Versands der Rundmail mit den politisch mehr als fragwürdigen Inhalten durch die Vorsitzende der Tieroase Marburg-Gießen wirft vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Ereignisse berechtigte Fragen auf. Denn es gibt Hinweise darauf, dass weite Bereiche der Tierschutzszene von rechtsextremen Kräften unterlaufen sind. Und erst die Tatsache, dass die Verantwortlichen auf keine Fragen dazu antworten, gibt dieser Rundmail des Mitgliedvereins im Deutschen Tierschutzbund sein eigentliches Gewicht. Aus dem Schutzbereich der von der Öffentlichkeit durch Steuerprivilegien unterstützten Gemeinnützigkeit heraus Texte und Inhalte ehemaliger NPD-Größen zu verteilen und publik zu machen, ist mehr als bedenklich. Spender sollten sich sehr gut überlegen, ob sie einen Verein unterstützen möchten, der in diesem sensiblen politischen Bereich derart fragwürdige Akzente setzt.

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