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Für eine bessere Spendenkultur
1/7/2010 von Stefan Loipfinger
Archivtext

Aktion Tier – vormals Deutsches Tierhilfswerk (2)

Aufschrei in der Tierschutzszene

Aktiver Tierschutz ist nicht mehr erwünscht
Bild: © LianeM - Fotolia.com

Viele der Kooperationspartner von Aktion Tier – Menschen für Tiere e.V. sind empört. Einen Tag vor Weihnachten erhielten sie einen Brief, in dem es heißt: „Auch wenn wir es zutiefst bedauern, wird es uns daher zukünftig nicht mehr möglich sein, zusätzlich zu den bestehenden Anforderungen auch noch ihre gewohnte finanzielle Unterstützung zu leisten.“ Die Schuld dafür schiebt Aktion Tier der Berichterstattung des Magazins Spiegel zu und Stefan Loipfinger, dem Herausgeber von CharityWatch.de. Mit viel Polemik und fadenscheinigen Argumenten begründet der Verein so seine weitere Kürzung der ohnehin dürftigen Ausgaben für den aktiven Tierschutz und stellt trotz Einnahmen von zwölf Millionen Euro (2007) die finanzielle Förderung seiner kleinen Kooperationspartner in Frage.

Brief. In dem CharityWatch.de vorliegenden Brief an einen Kooperationspartner beginnt Vorstand Holger Knieling mit der Philosophie des Vereins und rechnet die in den Jahren 2003 bis 2009 getätigten Zahlungen vor. Das Vorgehen von Aktion Tier bezeichnet er als uneigennützig und die Kritik von Spiegel und Loipfinger als unsachlich. Er schreibt sogar von „polemischen Attacken“ und unterstellt ein finanzielles Motiv. Der Spiegel, der im Oktober 2009 über Aktion Tier berichtete, wird als „vermeintlich seriöses Magazin“ bezeichnet, gegen den sich der Verein „mit gerichtlicher Hilfe erfolgreich zur Wehr“ setzte. Durch die Kritik entstanden Aktion Tier laut Knieling erhebliche Schäden, weshalb sogar Verträge für die Mitgliederwerbung zum 31. Dezember 2009 gekündigt werden mussten: „Das wird negative Auswirkungen auf die Einnahmen unseres Vereins haben. Und damit haben diejenigen ihr Ziel erreicht, die Interesse an einem unsachlichen Umgang mit Aktion Tier haben.“ Anschließend wurde die „gewohnte finanzielle Unterstützung“ für unmöglich erklärt. „Wir bedauern sehr, dass wir durch eine unsachliche Berichterstattung in diese Situation gebracht worden sind.“

Fakten. Nur sehr vage schreibt Knieling von einem geschwundenen Vertrauen der Mitglieder und dem Schaden für Aktion Tier. Es fragt sich: Wie viele Mitglieder haben denn gekündigt, dass ein so rigoroser Einschnitt bei den Zuwendungen für Kooperationspartner notwendig wird oder sich rechtfertigen lässt? Laut einer Pressemitteilung von Aktion Tier vom 28. Dezember 2009 verfügt der Verein über 210.000 Mitglieder. Daraus ist keine nennenswerte Veränderung erkennbar. Hinzu kommt die Frage: Warum werden die angeblich notwendigen Einsparungen nicht bei Verträgen mit Service94 (Frank Kroll) und Concept (Michael Reichhardt) vorgenommen, die den Verein jährlich fast sechs Millionen Euro kosten? Das ist ein Mehrfaches der Beträge, die bisher an Kooperationspartner überwiesen wurden. Auch die Rechtsanwältin Dr. Evelyn Menges vereinnahmte monatlich satte Pauschalhonorare. Der Vorstandsvorsitzende Holger Knieling bekommt 6.600 Euro Aufwandsentschädigung pro Monat. Zusätzlich kassiert er als Unternehmensberater der Aktion Tier Verlagsgesellschaft 100 Euro pro Stunde, auch wenn er sich selbst als Geschäftsführer berät. Darüber berichtete der Spiegel. Die Kopien zu den Verträgen liegen CharityWatch.de vor. Gegen welche Aspekte hat sich Aktion Tier nun gerichtlich „erfolgreich zur Wehr“ gesetzt, wenn all die wesentlichen Fakten immer noch online nachlesbar und damit unbestritten sind? (zum Spiegelartikel „Geschäfte mit Dackelblick“)

Zweifel 1. Die leider nur für Rheinland-Pfalz zuständige Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) schrieb nach entsprechenden Prüfungen einer von Aktion Tier beantragten Sammlungserlaubnis: „Ich begrüße Ihre Entscheidung zur Einstellung [Anmerkung der Redaktion: Beendigung] von Sammlungen im Bereich des Landes Rheinland-Pfalz ausdrücklich. In diesem Zusammenhang weise ich darauf hin, dass die ADD nach bisheriger Aktenlage wegen verbleibender Zweifel an einer einwandfreien und zweckentsprechenden Verwendung der Spendengelder keine Möglichkeit sah, Ihrem Antrag zu entsprechen und bereits eine Anhörung vor Ablehnung Ihres Antrages auf Sammlungserlaubnis in Vorbereitung war.“

Zweifel 2. Bedenken hat mittlerweile auch ein langjähriger Partner des Vereins, die Stiftung Liebenau. Auf Anfrage von CharityWatch.de bestätigte diese die Kündigung der Zusammenarbeit beim Projekt Gut Kaltenberg: „Nachdem jedoch in den vergangenen Monaten aufgrund der öffentlichen Berichterstattung Zweifel am Leumund der Aktion Tier auftraten und damit auch negative Auswirkungen auf den Ruf der Stiftung Liebenau zu befürchten waren, hat die Stiftung die Zusammenarbeit mit Aktion Tier im Oktober dieses Jahres gekündigt.“ [Anmerkung der Redaktion: mit Oktober dieses Jahres ist der Oktober 2009 gemeint]

Zweifel 3. Als weitere kritische Meinung kann noch ein Gespräch mit dem obersten deutschen Verbraucherschützer Gerd Billen (Vorstand Bundesverband Verbraucherzentrale) angeführt werden. Er war bis 2005 Bundesgeschäftsführer des Naturschutzbundes Deutschland NABU und hat in seiner damaligen Funktion, nach dem Ausscheiden des später wegen Betruges verurteilten ehemaligen Vorstandsvorsitzenden, über eine engere Zusammenarbeit mit dem Deutschen Tierhilfswerk verhandelt. Diese kam aber nicht Zustande, weil laut Aussage von Billen die Herren Knieling und Reichhardt nicht bereit waren, demokratische Strukturen (zum Beispiel mehr Rechte für die Mitglieder) einzuführen: „Damit war die Grundlage für eine intensivere Zusammenarbeit der beiden Organisationen nicht gegeben.“ Übrigens: Diese Mitgliederentmachtung gibt es bis heute.

Zweifel 4. Ob die Streichungen bei den Koopertionspartnern überhaupt etwas mit der seit Monaten schwelenden Kritik zu tun hat, ist sehr fraglich. Schon auf der Delegiertenversammlung 2008 sprach sich Manfred Fuchs, Vorstand von Aktion Tier, für eine Reduzierung der Zuwendungen an Kooperationspartner aus: „Ich sehe es inzwischen als problematisch an, so viele andere Vereine zu unterstützen.“ Dies untermauerte auch der Vorstandsvorsitzende Knieling in seiner Rede: „Dabei sind wir zu dem Schluss gekommen, dass wir aufgrund der Bedeutung des Vereines für den Tierschutz in Deutschland es wichtig wäre dies auch in eigenen Projekten zum Ausdruck zu bringen.“

Stellungnahme. Aktion Tier hatte im Vorfeld dieses Beitrages die Gelegenheit zu einer Stellungnahme. Die Antwort enthielt auf drei Seiten allerdings überwiegend zynische Allgemeinstatements. „Noch ein wenig Geduld“ ist für die Jahreszahlen 2008 notwendig. Laut dem von Vorstand, Mitarbeitern und Beirat unterzeichneten Brief „kann“ eine Veröffentlichung nach Fertigstellung erfolgen.

CW-Meinung. CharityWatch.de kritisiert die Arbeit von Vereinen, die ihre Mittel zweifelhaft verwenden. Wenn wie bei Aktion Tier nur ein Bruchteil der Mitgliedsbeiträge in den aktiven Tierschutz fließt (zum CW-Beitrag „Undurchsichtig und wenig Geld für Tierschutz“), dann muss das im Interesse der Spender und Mitglieder öffentlich angeprangert werden – leider auch wenn Projekte darunter leiden. Natürlich ist die Tierschutzarbeit der seriösen Kooperationspartner wichtig, so klein ihre bisherige finanzielle Unterstützung im Verhältnis zu den Einnahmen von Aktion Tier gewesen sein mochte. Doch Ziel muss sein, das ersparte und begrenzte Geld aller Mitglieder und Spender möglichst effektiv und sinnvoll einzusetzen. Von 100 Euro darf nicht ein Großteil „verloren gehen“. Wenigstens 80 Prozent sollten zum Beispiel in den aktiven Tierschutz fließen. Es steht zu hoffen, dass bei Aktion Tier eventuell verloren gegangene Mitgliedsbeiträge von den einstigen Unterstützern in Zukunft effektiver für den Tierschutz eingesetzt werden.

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