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Für eine bessere Spendenkultur
1/20/2012 von Karin Burger
Archivtext

Anonymous-Videos

Wer steckt hinter den Videos zur Fußball-EM?

Die Maske als Erkennungzeichen
©M&S Fotodesign - Fotolia.com

Seit 2008 agiert weltweit eine kollektive Bewegung namens Anonymous. Die Aktivisten treten mit Guy-Fawkes-Masken auf, die zum einen Erkennungszeichen sind, zum anderen jedoch die Agierenden anonymisieren und dadurch schützen sollen. Sympathiewerte erlangte die primär in der virtuellen Welt aktive Bewegung ursprünglich durch Kritik an und Aktionen gegen Scientology. Auch ihre Aktionen gegen Neonazis und Rechtsextremismus sorgten für Unterstützung. Das inzwischen breite Aktionsspektrum richtet sich gegen Geldinstitute, Regierungen oder Großkonzerne. Häufig eingesetzte Instrumente sind Hackerangriffe und Websiteblockaden. Ihre Botschaften lanciert Anonymous hauptsächlich über Videos, die bei YouTube eingestellt werden. Doch durch ihre anonyme Struktur kann die Bewegung auch leicht für andere Ziele benützt werden.

Missbrauchsanfällig. Eine Struktur der Bewegung gibt es nicht und ebenso wenig konkrete Ansprechpartner. „Jeder, der will, kann Anonymous sein und auf die Ziele hinarbeiten“, erklärte Chris Landers 2008 zum Wesen des Phänomens. Deshalb ist es auch missbrauchsanfällig. So gab es im Sommer 2011 einen Angriff auf die Website der Grünen Österreichs unter der Bezeichnung Anonymous, von der sich AnonAustria distanzierte.

Hundetötungen Ukraine. In der Liste bisher verzeichneter Aktivitäten von Anonymous, etwa bei Wikipedia, tauchen tierschutzspezifische Themen nicht auf. Doch im November 2011, als die Empörung über die Hundetötungen in der Ukraine im Vorfeld der Fußball-Europameisterschaft ihren Höhenpunkt hatte, wurde auf YouTube das Video „Anonymous OpUEFA“ hochgeladen: Eine mit verfremdeter Stimme sprechende, von der Guy-Fawkes-Maske verhüllte Person richtet sich an „die Bürger dieser Welt“ und berichtet über die Hundetötungen.

Falsche Bilder. Auffallend an dem Video ist das Faktum, dass darin auch ältere Bilder aus 2009 verwendet werden, von denen nachgewiesen ist, dass sie mit der Ukraine nichts zu tun haben und aus China stammen. Genau diese Bilder wurden und werden auch von verschiedenen deutschen Tierschutzorganisationen zur Stimmungsmache gegen die Ukraine benutzt.

Drohungen gegen EM-Sponsoren. Ein neues Video vom 11. Januar 2012 will die Sponsoren noch einmal „an eure Verantwortung erinnern“. Die Drohung wird ausgeweitet auf alle Fernsehsender, welche die Rechte an der Fußball-Europameisterschaft haben. Die relative Authentizität beider Videos wird durch die Website www.anonymous-twilightzone.info bestätigt.

Weitere Unklarheiten. Dort wird als Unterstützer und Partner zu diesem Thema auf die in der Tierschutzszene bekannte Website „EM 2012 ohne Tiermassaker“ verwiesen. Die Site gibt an, Pflegestellen etwa für den Verein Stray einsame Vierbeiner und die aw2-Tierhilfe in München zu suchen. Aber Angelika Kracker von aw2 Tierhilfe München erklärt auf telefonische Nachfrage, dass der nicht eingetragene Verein gar keine Pflegeplätze suche. Auch die Website „EM 2012 ohne Tiermassaker“ sei ihr nicht bekannt. Die Bekundungen Krackers sind deshalb irritierend, weil die Satzung des Vereins ausdrücklich das Bemühen um Pflegeplätze festschreibt. Fazit: Die im Kontext dieser angeblichen Anonymous-Videos gegebenen Informationen sind unzuverlässig.

Zweifel. Aufgrund der Nichtstruktur von Anonymous und dem Fehlen klar benannter Ansprechpartner ist es äußerst schwierig festzustellen, ob diese Videos wirklich etwas mit der bekannten Bewegung zu tun haben. Deutsche Anons, die in dem klassischen Themenbereich gegen Scientology aktiv sind, bezweifeln das. In einem Telefonat der Redaktion mit Anonymous Berlin wunderte sich der Aktivist über den Themenschwerpunkt Hundemord. Den Vorwurf, die Verwendung falscher Bilder werfe kein gutes Licht auf Anonymous, bekräftigt er.

Konträr zu Anonymous? Die weltweite Bewegung Anonymous zeichnete sich bisher auch dadurch aus, dass sie gegen Rechtsextremismus und gegen Nazis agierte. Die von einigen großen Tierschutzorganisationen gegen die Ukraine und Polen, auch gegen Rumänien und andere osteuropäische Länder initiierten Protestaktionen sind aber teilweise charakterisiert durch die pauschalisierende Verurteilung der gesamten Bevölkerung, die gelegentlich rassistische Züge annimmt. Eine Übereinstimmung mit dem bisherigen Vorgehen der Anonymous-Bewegung ergibt sich lediglich über den Hinweis auf und die Warnung an die Sponsoren. Auch die auffallend schlechte Bildqualität zumindest des ersten Op-EM2012-Anonymous-Videos verstärkt Zweifel an der Authentizität.

Maskenverwendung. Bekennender Verwender der Anonymous-Maske ist Viktor Larkhill von der weltweit agierenden Tierrechtsbewegung Let’s Adopt in der Türkei. Wikipedia verweist darauf, dass diese Gruppe nicht legal registriert ist und hauptsächlich übers Internet agiert. Über einer auf der Website der Organisation veröffentlichten Schwarzen Liste von Personen, denen keine Tiere ausgehändigt werden sollen, ist eine Person mit der Guy-Fawkes-Maske abgebildet. Auch das Facebook-Profil von Viktor Larkhill, übrigens ein Künstlername, ist mit dem typischen Anonymous-Konterfei geschmückt.

CW-Meinung. Die Entwicklungen und Tendenzen deutscher Tierschutzorganisationen in der Darstellung populärer Tierschutzthemen im osteuropäischen Ausland sind bedenklich. Gegebene Informationen sind oft nicht überprüfbar. Gezielt wird mit besonders grausamen Berichten und Bildern gearbeitet. Insbesondere für einzelne Bilder wurde in jüngster Zeit nachgewiesen, dass diese aus ganz anderen Kontexten stammen als denjenigen, für die sie aktuell, zum Beispiel Ukraine, verwendet werden. Viel zu häufig werden die tierschutzrelevanten Probleme pauschalisierend dargestellt und die Nationen als Ganzes für Tierleid und Tiermord in die Verantwortung genommen. Die Grenzen zwischen Information und politischer Agitation sind inzwischen fließend. Jede Menge Trittbrettfahrer aus der rechtsextremistischen Szene nutzen das Tierschutzthema für ihre politischen Zwecke.
Das Auftauchen des weltweit bekannten Anonymous-Labels bei Tierrechtsaktionen ist relativ neu. Aufgrund der fehlenden Struktur von Anonymous und fehlender Ansprechpartner lässt sich nicht überprüfen, ob diese Videos tatsächlich von der Bewegung stammen. Verschiedene Merkmale wie etwa die Verwendung falscher Bilder und der schlechten Videoqualität schließen nicht aus, dass hier ein populäres Label für Ziele usurpiert wird, die dem Anonymous-Konzept widersprechen. Spender und Unterstützer von Tierschutzorganisationen sollten ganz besonders bei den Auslandsthemen darauf achten, welche politische Richtung sie unter Umständen mit ihrem Geld unterstützen.

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