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Für eine bessere Spendenkultur
8/12/2011 von Karin Burger
Archivtext

Tierschutzverein für die StädteRegion Aachen e. V.

Die andere Seite der Tierschutzmedaille

Mengenrabatt auch für Ratten
© Oleg Kozlov - Fotolia.com

Die Mitgliedsvereine des Deutschen Tierschutzbundes e. V. scheuen das Licht der Öffentlichkeit. Dabei trägt der Dachverband das Spendensiegel des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen DZI, das zur Transparenz verpflichtet. Aber diese Transparenz gilt offenbar nicht für die rund 700 angeschlossenen Tierschutzvereine mit 500 Tierheimen bundesweit. Seit Amtstierärzte in den letzten Monaten zwei Tierheime des Dachverbandes aufgrund katastrophaler Missstände geschlossen haben, wird verständlich, warum der Tierschutzbund angeblich seinen Mitgliedern empfiehlt, Fragen von CharityWatch.de nicht zu beantworten. Dem bundesweiten Maulkorb fallen auch so schlichte Auskünfte wie die zur Aachener Tierschutzmedaille zum Opfer. Dabei stellen sich im Zusammenhang mit der letzten Verleihung interessante Fragen. Doch weder diese noch weitere Auskünfte oder gar den letzten verfügbaren Geschäftsbericht will der erste Vorsitzende Lutz Vierthaler herausgeben.

ETN-Nähe. Es ist gar nicht so leicht auf der Homepage des Aachener Tierschutzvereins Hinweise auf die Mitgliedschaft im Deutschen Tierschutzbund zu finden. Weder die Startseite noch das Impressum verraten die Verbindung. Erst bei den Vereinsinformationen wird die Mitgliedschaft mit einem Satz erwähnt. Fühlt man sich einer anderen großen Tierschutzorganisation, dem zweifelhaften Europäischen Tier- und Naturschutz e. V. (ETN), mehr verbunden? Die Verleihung der Tierschutzmedaille nährt diesen Verdacht.

Tierschutzmedaille. Die näheren Informationen zu der in der Lokalpresse lautstark beworbenen Aachener Tierschutzmedaille stecken im Top-secret-Ordner fest. Die Vereinswebsite enthält nur rudimentäre Informationen. So ist nicht zu erfahren, welches Gremium des Vereins den Preisträger bestimmt und aus welchen Mitgliedern es sich zusammensetzt. Auch die Kriterien, nach denen der Preisträger ausgewählt wird, bleiben ungenannt. Welche Ausgaben der Verein im Zusammenhang mit der Nominierung und Verleihung der Tierschutzmedaille hat, ist ebenso wenig zu erfahren wie die Höhe des Erlöses, welche die Gala 2010 erbracht haben könnte. All diese Fragen hatte CharityWatch.de Lutz Vierthaler in einer Presseanfrage Mitte Juni 2011 vorgelegt und sich bis Anfang August in Geduld geübt. Vergebens: Die sechs Wochen Wartezeit wurden mit der Auskunft beendet, dass es keine Auskunft geben wird.

Prominente Preisträgerinnen. Dabei sind die Trägerinnen dieses Tierschutzpreises, der gemäß Lokalberichterstattung den Tierschutz ins Rampenlicht rücken soll, durchaus prominent. 2009 erhielt Dr. Claudia Ludwig, Moderatorin der bekannten Tiervermittlungssendung „Tiere suchen ein Zuhause“, die Medaille. Im Folgejahr moderierte sie die Verleihung der Auszeichnung an die Botschafterin des ETN, Maja Prinzessin von Hohenzollern. Die Kooperation zwischen der Moderatorin und dem ETN ist auch schon bei anderen Tierschutzpreis-Verleihungen vorgekommen. Denn Claudia Ludwig sitzt auch in der Jury für den Tierschutzpreis „Goldene Pfote“ des ETN-Partners Tasso e. V., zusammen mit Dieter Ernst, dem Präsidenten des ETN.

Pikanter Zeitpunkt. Wenig Sensibilität bewies der Tierschutzverein beim Timing. Die Gala zur Verleihung der Aachener Tierschutzmedaille an die ETN-Botschafterin fand am 11. Dezember 2010 statt. Zu diesem Zeitpunkt galt ein von der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion Trier gegen den ETN verhängtes Sammlungsverbot in Rheinland-Pfalz. Gleichfalls öffentlich war die Tatsache, dass mehrere Personen Anzeige gegen den ETN-Präsidenten Heinz Wiescher wegen des Verdachts der Untreue erstatteten und die Staatsanwaltschaft Ermittlungen aufnahm. All diese Unwägbarkeiten schienen jedoch für den Tierschutzverein Aachen kein Hindernis zu sein, die Botschafterin des ETN im Rahmen einer Gala besonders auszuzeichnen.

Müde Website. Presseauskünfte an CharityWatch.de erteilt Lutz Vierthaler nicht und die Website des Vereins gibt in unattraktiver Präsentation ebenfalls kaum Informationen preis. In der Rubrik „Tierschutz – Aktionen/Projekte“ etwa erscheint nur ein zwei Jahre alter Bericht über drei Kühe im Glück. Die Infos für Tierhalter sind teilweise völlig überholt, etwa beim Thema Impfungen, oder kynologisch schlicht nicht haltbar, wenn der Hund als Spielkamerad für Kinder angepriesen wird. Ein absolutes tierschützerisches Manko sind die nicht vorgeschriebenen Vorkontrollen bei der Tiervermittlung. In den dazugehörigen „Richtlinien“ ist jedenfalls nur die Rede von einem vorzulegenden Personalausweis. Ganz ungewöhnlich ist der Mengenrabatt für Tiere des Aachener Tierheims. Ein Hund kostet 200 Euro, bei zwei Hunden fallen nur 360 Euro an. Solche Rabatte weist die Homepage für alle Tierarten aus.

Auslandshunde. Obwohl das Tierheim zum Deutschen Tierschutzbund gehört und dieser aus seiner Kritik am Auslandshundeimport kein Hehl macht, finden sich in Aachen einige Auslandshunde. Sie kommen aus Bulgarien, Belgien und Spanien. Im Vergleich zum Einzugsgebiet – Stadt und Region Aachen – ist der aktuelle Tierbestand gemäß Homepage mit 42 Hunden und 82 Katzen gering.

CW-Meinung. Die Summe macht das Ergebnis: Ein Tierschutzpreis, der gemäß Verlautbarung gegenüber der Lokalpresse den Tierschutz ins Rampenlicht rücken soll. Trotzdem wurde die Tierschutzmedaille an die Botschafterin eines höchst zweifelhaften Tierschutzvereins verliehen. Eine unattraktive, nicht aktuelle Internetpräsentation mit veralteten Informationen. Ein knappes Viertel der Tierheimhunde stammen aus dem Ausland, ohne dass zu erfahren wäre, auf welchem Weg und über welche Verbindungen Hunde aus Bulgarien und Spanien nach Aachen kommen. Als tierschützerisches No-Go wird bei Vermittlungen in den Richtlinien keine Vorkontrolle festgelegt sowie Mengenrabatt bei den Schutzgebühren gewährt. Und als Krönung: Geschäftsbericht und Jahreszahlen werden verweigert, obwohl der Verein mit jährlich rund 600.000 Euro einen großen Jahresetat aufweist. Auch die Vereinswebsite verrät nichts Genaues darüber, was dieser Tierschutzverein über das Tagesgeschäft hinaus eigentlich treibt. In der Summe spricht das für einen völlig veralteten und komplett intransparenten Tierschutz, den finanziell zu unterstützen sich Spender sehr gut überlegen sollten.

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