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Für eine bessere Spendenkultur
6/24/2011 von Karin Burger
Archivtext

WWF Word Wide Fund for Nature

ARD-Dokumentation entzaubert die weltweit größte Naturschutzorganisation

Das Wappentier von WWF
© jonasginter - Fotolia.com

Zu später Stunde am für einige Bundesländer Feiertagsvorabend sendete die ARD am 22. Juni 2011 die hoch brisante Dokumentation „Der Pakt mit dem Panda – Was uns der WWF verschweigt“ des Bremer Journalisten und Dokumentarfilmers Wilfried Huismann. Die Doku zeigte in teilweise erschütternden Bildern vor Ort in Borneo, was genau der WWF seinen Spendern und Mitgliedern nicht kommuniziert. Die Kluft zwischen dem Selbst-Marketing der Nichtregierungsorganisation (NGO) und den in den verschiedenen Ländern durch Mithilfe oder Tolerierung des WWF geschaffenen Fakten wurde durch die eingeblendeten Werbespots der Naturschützer farbkräftig akzentuiert.

Renommierter Journalist. Wilfried Huismann gehört zu den erfolgreichsten Filmemachern der Republik. Mehrfach wurde er mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Seine Dokumentationen, zum Beispiel über den Mord an John F. Kennedy, sind bekannt. Auch Filmporträts wie das von Che Guevara und Fidel Castro gehören in Huismanns Oeuvre.

Juristisch verfolgt. Doch auch ein so renommierter und bekannter Filmemacher ist nicht vor dem mächtigen juristischen Instrumentarium einer so großen Organisation wie dem WWF gefeit. Bis zuletzt hatte der versucht, die Ausstrahlung des Filmes zu verhindern – ein Beleg für dessen Brisanz. In einem Radiointerview für SWR1 beschreibt Huismann diese Reaktion als „böse“. Er selbst fühle sich von der Rechtsabteilung des WWF „juristisch verfolgt“. Auch bei den Recherchearbeiten zeigte sich der WWF wenig kooperativ. Interviews wurden zunächst zu-, dann wieder abgesagt; auf dritte Interviewpartner habe der WWF Druck ausgeübt.

Schädliche Nachhaltigkeitspolitik. Mit vielen Belegen demontiert Huismann das Saubermann-Image der Naturschützer. Seine Kritik am WWF lässt sich in drei Vorwürfe zusammenfassen: Kooperation mit der Industrie, Unterstützung des Anbaus genetisch veränderter Pflanzen, Tolerierung der Zerstörung von Regenwald zur Gewinnung von Agrarflächen. In einem Interview mit Funkhaus Europa kommt Huismann aufgrund seiner Recherchen zu dem Schluss, die Nachhaltigkeitspolitik des WWF sei schädlich.

Königlicher Tigerabschuss. Die Ungereimtheiten und Vorwürfe gegen den weltweit größten Naturschutzverband sind nicht neu. In die WWF-Geschichte gehören dabei die Stichwort Seveso (der WWF-Vizepräsident Luc Hoffmann war Konzerneigner der Tochterfirma, bei der 1976 der Dioxin-Tank explodierte), Shell (Spendenaffäre) und das bizarre Vorgehen der Naturschützer gegen afrikanische Wilderer in den 80er Jahren. Auch Huismann nimmt Bezug auf die Skandalgeschichte und präsentiert historisches Filmmaterial. Das zeigt das britische Königspaar, bequem sitzend auf Elefanten, beim Abschuss eines Tigers.

Spendenglaubwürdigkeit. Einige Kommentatoren des Dokumentarfilms sehen das eigentliche Problem des WWF weniger in den durch Huismann erhobenen massiven Vorwürfen. Stattdessen fragen sie nach der Glaubwürdigkeit der WWF-Werbung. In Werbevideos mit Bildern von Orang-Utans und Tigern wird potenziellen Spendern versprochen: „Deine 5 Euro helfen, damit sie leben können.“ Nicht nur, aber auch im Kontext mit den von Huismann dokumentierten Fakten stellt sich zwangsläufig recht rasch die Erkenntnis ein, dass die bestehenden Strukturprobleme in den betroffenen Ländern – Überbevölkerung, verfehlte Agrarpolitik und Klima-Erwärmung – so massiv sind, dass sich dagegen gar nicht anspenden lässt. In einem Artikel auf News.de wirft Ayke Süthoff dem WWF deshalb irreführende Werbung vor und fordert: „Statt solche Versprechungen zu machen, sollte der WWF ehrlich sein. Dann dürfte die Botschaft nicht lauten ´Der WWF rettet die Welt´, sondern ´Der WWF versucht sein Möglichstes, um die Welt zu retten.´“ Seine Behauptung, dass die Menschen sicherlich auch schon für den Versuch, die Welt zu retten, zu spenden bereit wäre, klingt plausibel.

Stellungnahme. Der WWF selbst reagierte auf die Ausstrahlung der ARD-Dokumentation auf seiner Website mit einem ausführlichen „Faktencheck“. Diese Bezeichnung ist ein ironischer Seitenhieb auf die ARD-Sendung „hartaberfair“. Interessant dabei ist die Struktur der Argumente. Wenn Huismanns Dokumentation etwa belegt, wie sich Jason Clay vom amerikanischen WWF und Dr. Hector Laurence vom WWF Argentinien öffentlich für die Gentechnik aussprechen, etikettiert der Faktencheck derlei als „einzelne Außenseitermeinungen“ und setzt „eine klar ablehnende Meinung zu Gentechnik“ des WWF international dagegen. Andere Filmstellen mit Originalzitaten werden als „sprachliche Missverständnisse“ erklärt. Überzeugen können diese WWF-„Fakten“ offensichtlich nicht, wie eine ausufernde Diskussion im Live-Chat der WWF-Site dokumentiert. Die über 1.000 Kommentare in noch nicht einmal 24 Stunden nach der Ausstrahlung des Films bezweifeln die Gegendarstellung der Naturschützer.

Identische Strukturen. Abseits von der ins nicht überprüfbare Detail abdriftenden Diskussion über wahre oder unwahre Behauptungen sind für den Themenbereich von CharityWatch.de diejenigen Strukturen des Falles WWF interessant, welche identisch zu vielen kritisierten karitativen Vereinen und Organisationen sind.

Intransparenz. Da steht an erster Stelle die Intransparenz des WWF, wie sie Huismann in dem Interview mit Funkhaus Europa konstatiert. Insgesamt, so der Filmemacher, sei unklar, wo das ganze Geld bleibe. Das vom WWF betriebene Geschäftsmodell werde sogar vor den eigenen Mitgliedern geheim gehalten. Auch die Kommunikationspolitik der NGO entspricht keineswegs der einer transparenten Organisation, wie mehrere Filmszenen eindrücklich belegen. Die Parallele zu den Reaktionen von Vereinen und Stiftungen in Deutschland, wenn ihnen kritische Fragen gestellt werden, ist offensichtlich. Auch der blockierende Umgang mit der Presse und Presseanfragen, das Pendent zu Huismanns Interviewanfragen, fällt auf.

Kritische Kooperationen. Die Doku „Der Pakt mit dem Panda“, von einem Internet-Newsmagazin schon zu „Der Panda ist böse“ weitergedeutet, dokumentiert als so genannten Sündenfall die Kooperationen des WWF mit exakt denjenigen, die aus der Ausbeutung derer Kapital schlagen, welche der WWF zu schützen vorgibt: die Agro- und Palmöl-Industrie und deren Satelliten. Und diese Kooperationen haben beim WWF Tradition. Shell und Coca-Cola waren es in der Vergangenheit; Gentechnik-Konzerne wie Monsanto und Palmölunternehmen wie Wilmar seien es in der Gegenwart, behauptet der Film. Der WWF weist das in seinem Faktencheck zurück. Und genau diese Kooperationen sind es auch im Bereich deutscher Vereine und Stiftungen, die Zweifel erwecken, wie am Beispiel des Europäischen Tier- und Naturschutz e. V. ETN illustriert. Große Nähe zum Beispiel von Tierschutzorganisationen zu Veterinärmedizin, Forschung, Pharma und Futtermittelindustrie bergen Risiken in der Interessensvertretung, die bei intransparenter Organisationsstruktur für Mitglieder und Spender unkontrollierbar werden. Deshalb sind kritische Fragen zu der aktuellen Aktion von Tasso e. V. und dem Bund gegen Missbrauch der Tiere e. V. angebracht. Die beiden Tierschutzorganisationen bieten in Zusammenarbeit mit einem großen Futtermittelhersteller am kommenden Wochenende eine kostenlose Chippaktion an, welche derzeit von Tasso unter dem Label „Deutschland chippt!“ beworben wird.

Juristische Verfolgung. Ein weiteres kennzeichnendes Strukturmerkmal im Umgang mit intransparenten Organisationen ist der unverhältnismäßige und teilweise massive Einsatz juristischer Mittel mit dem Ziel, die Veröffentlichung von Rechercheergebnissen zu verhindern. Huismann fühle sich „juristisch verfolgt“, wie er im Interview erklärt. Ähnliches widerfuhr auch dem ARD-Journalisten Christof Lütgert, der mit seiner Dokumentation „Die Kik-Story“ Furore machte. Die Ausstrahlung der Films über die unmenschlichen Arbeitsbedingungen im Billiglohnland Bangladesch, wo der Textildiscounter produzieren lässt, sollte mit insgesamt elf Unterlassungsbegehren mit einem Streitwert in Millionenhöhe verhindert werden. Auch im Charity-Bereich sind Klageandrohungen gegenüber recherchierenden Journalisten, einstweilige Verfügungen und Unterlassungserklärungen quasi Alltag. Die journalistischen Berufsorganisationen beklagen seit geraumer Zeit, wie die Pressefreiheit zunehmend durch den ausufernden Gebrauch solcher Rechtsmittel eingeschränkt wird.

Prominentenwerbung. Parallel in der Struktur, identisch in der fatalen Wirkung ist die offensichtlich kritiklose Unterstützung durch Prominente. Auch die oben zitierten Skandale und Ungereimtheiten der Vergangenheit halten berühmte Personen, deren Votum ganz besonderes Gewicht zukommt, nicht von der Werbung für den WWF ab: James Last, die Schauspielerin Elisabeth Lanz, die Band menschenskinder, Walter Sittler, Sarah Wiener und – wie im Tierschutzbereich auch – immer gern genommen blaues Blut: Prinzessin Ingeborg zu Schleswig-Holstein. Für die Vergangenheit mag ihr so genanntes Engagement, welches aber selbstverständlich auch zur eigenen Promotion beiträgt, dahingehen. Die spannende Frage jedoch stellt sich: Wie stellen sich diese Prominenten zum WWF nach der Dokumentation von Huismann?

CW-Meinung. „Der Fall WWF“ ist kein Einzelfall. Was Wilfried Huismann an Strukturen für den weltweit größten Naturschutzverband mit seinem Film „Der Pakt mit dem Panda“ dokumentiert, ist strukturell auf andere Organisationen im Bereich Natur-, Umwelt- und Tierschutzschutz sowie den humankaritativen Sektor übertragbar. Dieser aufrüttelnde Dokumentarfilm verfehlt einen wichtigen Teil seiner Wirkung, wenn er nur als Einzelfalldokumentation verstanden wird. In der Quintessenz stärkt er die generelle Forderung nach Transparenz. Mitglieder und Spender ermuntert er zu Skepsis gegenüber der Selbstdarstellung solcher Organisationen. Und nicht zuletzt dokumentiert „Der Pakt mit dem Panda“ den hohen Stellenwert einer freien, kritischen und mutigen Presse- und Medienarbeit.

Hinweis. Der Dokumentarfilm „Der Pakt mit dem Panda“ ist über die ARD-Mediathek abrufbar. Außerdem wird er am 13. Juli 2011 um 20.15 Uhr auf SWR wiederholt.

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