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Für eine bessere Spendenkultur
6/21/2010 von Stefan Loipfinger
Archivtext

BISS – Bürger in sozialen Schwierigkeiten e.V.

Deutschlands erste Straßenzeitung

Die Geschäftsstelle von BISS in München
Bild: Stefan Loipfinger

Vermutlich 40 verschiedene Straßenzeitungen gibt es in Deutschland. Die älteste davon wird in München heraus gegeben. BISS will Bürgern mit sozialen Schwierigkeiten eine Chance geben. Durch den Verkauf des Monatsmagazins haben sie eine Aufgabe und verdienen sogar etwas Geld. Ein Drittel der Verkäufer ist sogar sozialversicherungspflichtig beim Verein angestellt. Hildegard Denninger, Geschäftsführerin von BISS, lebt die Idee seit über 15 Jahren. Für die nächsten Jahre hat sie mit einem Hotel BISS und speziellen Stadtführungen noch einiges vor. Das sind unterstützenswerte Projekte, angesichts der bisherigen Erfolge, der gelebten Transparenz und der Verwendung der Gelder im Spenderinteresse.

BISS. Im Oktober 1993 wurde die erste deutsche Straßenzeitung mit dem Namen BISS aufgelegt. Das damals zweimonatig gedruckte Magazin erschien mit einer Startauflage von 10.000 Exemplaren und war nach zwei Wochen ausverkauft. Erst 1995 wurde dazu der gleichnamige gemeinnützige Verein gegründet. Heute erscheint das Magazin monatlich in einer Auflage von 39.000 Exemplaren. Circa 100 Verkäufer, davon ein Drittel mit Festanstellung, profitieren davon. Als (ehemals) obdachlose und arme Menschen haben sie auf dem Arbeitsmarkt keine Chance und sollen durch den Zeitungsverkauf den Weg zurück in die Gesellschaft finden. Das Motto „Arbeit statt Almosen“ stärkt deren Selbstwertgefühl und hilft gerade denen einen neuen Halt zu finden, die gegen Suchtprobleme oder andere Abhängigkeiten kämpfen.

Finanzen. Von 1,25 Millionen Euro Gesamteinnahmen 2008 waren 615.600 Euro betriebliche Erträge aus dem Verkauf der Zeitungen, Anzeigen und ähnlichem. Abzüglich der Herstellungskosten, Redaktion und sonstigen betrieblichen Aufwendungen bleibt ein Roherlös von 341.800 Euro. Davon kann die komplette Verwaltung inklusive Geschäftsführergehalt von Hildegard Denninger bezahlt werden und es bleiben 148.600 Euro übrig, die neben den Spenden an die zu unterstützenden Verkäufer ausgekehrt werden. In 2008 waren dies 463.200 Euro für 36 angestellte BISS-Verkäufer. Weitere 134.700 Euro wurden aus den Spenden, Patenschaften und anderen Einnahmen an Betroffene für Wohnraumbeschaffung, Einzelfallhilfen und ähnliches ausgegeben. Darüber hinaus wurde noch ein Sozialberater beschäftigt und ein ehemaliger Obdachloser, der den Zeitungsvertrieb unterstützt und Vorträge hält. Als zusätzliche Rücklage blieb 2008 zum Schluss noch ein Betrag von 134.400 Euro übrig.

Hotel BISS. Seit 2007 bemüht sich der Verein um das ehemalige Münchner Frauengefängnis Am Neudeck, um es in ein besonderes Hotel umzuwidmen. In einem Bieterwettbewerb soll die eigens dafür gegründete Stiftung BISS das entsprechende Areal erwerben. 40 überwiegend jüngeren Menschen mit sozialen Schwierigkeiten soll das Hotel eine Ausbildung und Qualifizierung in der Hotellerie ermöglichen. Neben den 72 Hotelzimmern sollen darüber hinaus elf altengerechte Wohnungen entstehen. Insgesamt ist das Projekt als Social Business ausgelegt, das sich durch seine Einnahmen ab Eröffnung selbst tragen soll.

Stadtführungen. Seit September 2009 bietet BISS auch Stadtführungen der besonderen Art an. BISS-Verkäufer führen durch München und zeigen statt der üblichen Sehenswürdigkeiten Anlaufstätten für Menschen in Not. Es wird gezeigt, wo Wohnungslose leben, Arbeitslose Arbeit finden und Menschen ohne Chance eine solche finden. Die Führungen bauen Berührungsängste ab und schaffen neue Arbeitsbereiche für Menschen ohne Chancen auf dem normalen Arbeitsmarkt.

CW-Meinung. Gescheiterte Existenzen zu Resozialisieren ist eine gesellschaftlich wichtige Aufgabe. Das leistet der Verein BISS seit vielen Jahren über den Verkauf der Straßenzeitung. Auch die bereits umgesetzten Stadtführungen sind eine erfrischende Idee, neue Tätigkeitsbereiche für Bürger mit sozialen Schwierigkeiten zu schaffen. Einfach nur anders sein will BISS ebenfalls bei dem geplanten Hotel. Wer öfters in Münchner Hotels übernachtet, würde vermutlich gerne mal eine Nacht dort verbringen. Gutes tun und das Flair eines ehemaligen Gefängnisses sind ein Abenteuer wert. Eventuelle Nachteile gegenüber normalen Hotels der 4-Sterne-Kategorie, die die Macher allerdings nicht erwarten, würden Gäste vermutlich verzeihen. Ähnlich wie bei der Straßenzeitung und den Stadtführungen ist es nicht das x-te kommerzielle und damit austauschbare Produkt. Aus Spendersicht ist der Verein ebenfalls eine positive Alternative. Er ist absolut transparent und verdient sich seine Verwaltungskosten quasi selbst durch die Herausgabe des monatlichen Magazins.

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