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Für eine bessere Spendenkultur
5/29/2009 von Dr. Susanna Berndt
Archivtext

Interplast-germany e.V.

Das Gebot der Sparsamkeit

Interplast Germany

Wo gibt’s denn so was: Nicht nur zu Weihnachten, sondern rund um das ganze Jahr fliegen deutsche interplast-Ärzte in die entlegensten Gebiete der Erde, um Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen ein Gesicht und mit ihm ein neues Leben zu geben. Der Lohn? Ein dankbares Lächeln, ein Händedruck, eine Umarmung. Dafür nehmen die Teammitglieder sogar unangenehme Anreisen und provisorische Unterkünfte in Kauf. Denn jeder Einsatz hat eine Grunddirektive: Das Gebot der Sparsamkeit. Für die Geldgeber bedeutet das – von gespendeten 100 Euro fließen 91 Euro und 91 Cent direkt in ein Hilfsprojekt.

Finanzzahlen. Erfreulich ist nicht nur die ehrenamtliche Tätigkeit der deutschen Chirurgen-Teams. Auch die Zahlen der Jahresbilanz von interplast-germany können sich sehen lassen. Mit den gespendeten Geldern konnten im vergangenen Jahr bei 60 Einsätzen 3.520 Patienten behandelt werden, im Interplast-Hospital Nepal weitere 1.050 Patienten. Knapp eine Million Euro wurde 2008 ausgegeben. Davon flossen 89,1 Prozent direkt in ausländische Projekte. Weitere 2,8 Prozent in Behandlungen, die nur in Deutschland durchgeführt werden können. Was bleibt sind 8,9 Prozent für administrative und sonstige Posten. Sie gliedern sich in zwei Prozent für die Verwaltung, 3,9 für Werbung und 2,2 für Sonstiges, darunter ein Symposium, das über die Arbeit der Interplastteams informiert, Probleme aufzeigt und erstmals ein Interplast-Anästhesistentreffen ins Leben rief.

Historie. Interplast ist keine deutsche Erfindung. Gegründet wurde der Verein vor nunmehr 40 Jahren von Dr. Donald R. Laub. Damals wurde der amerikanische Chirurg während eines Mexiko Urlaubes gebeten, sich einen Jungen mit einer Lippenspalte anzusehen. Das Kind lebte in einem Hühnerhaus, weil sich die Eltern für seinen Anblick schämten. Er operierte den Jungen und stellte fest, dass es noch viele andere mit demselben oder ähnlichen Problemen gab. So gründete er Interplast, einen Verein, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, plastische Operationen in Entwicklungsländern durchzuführen, basierend auf der ehrenamtlichen Tätigkeit des gesamten Ärzteteams. Elf Jahre später trägt Prof. Gottfried Lemperle die Idee nach Frankfurt und initiiert dort interplast-germany. Seitdem verbringen deutsche interplast Ärzte, Anästhesisten, Operationsschwestern und Krankenpfleger ihren Urlaub in den hintersten Winkeln unserer Erde, um dort den Ärmsten der Armen ihre Fähigkeiten zur Verfügung zu stellen. Unentgeltlich operieren sie vorzugsweise Kinder, die anderenfalls durch angeborene Fehlbildungen oder Verbrennungsfolgen mit dem Gespött oder der Scham ihrer Umgebung aufwachsen müssten.

Stiftung. 2004 errichtete Interplast-germany e.V. zur Förderung längerfristiger Projekte die Interplast Stiftung für humanitäre Plastische Chirurgie. Sie wird von einem Vorstand und einem Kuratorium geleitet. Alle Tätigkeiten sind ehrenamtlich, ohne finanzielle Entschädigung. Die Zuwendungsbescheinigungen unterscheiden zwischen einer Zustiftung zur Aufstockung des Stiftungskapitals, aus dessen Erträgen gemeinnützige Aufgaben finanziert werden sollen. Außerdem sind Spenden möglich, die jedoch zeitnah verwendet werden müssen. Die Stiftung unterstützt die Nachhaltigkeit der Projekte, etwa durch die Ausbildung interessierter einheimischer Ärzte, damit sie ihren Patienten künftig selbst besser helfen können.

Einsatzplanung. Jeder Einsatz wird individuell von einer der zwölf Sektionen vorbereitet und über eigene Sektionskonten finanziert. Die Verantwortung trägt der Sektionsleiter. Am Jahresende erfolgt eine zusätzliche Kontrolle durch den Vorstand. Er erhält die vollständigen Kassenberichte der einzelnen Sektionen. Im Durchschnitt umfasst ein Team sechs bis acht Mitglieder und der Aufenthalt beträgt zwei Wochen mit zehn Arbeitstagen. Für jedes Einsatzmitglied werden drei Versicherungen abgeschlossen: Auslandsreise-Krankenversicherung, Berufs-Haftpflichtversicherung und Unfallversicherung. Die weiteren Kosten eines Einsatzes betreffen Reise, Organisation, Aufenthalt und Material. Hinzu kommt das unvermeidliche Übergepäck. Dr. André Borsche ist der Vorstandsvorsitzende von Interplast Germany und weiß, was es heißt mit den jeweiligen Fluggesellschaften immer wieder aufs Neue über die Kosten zu verhandeln. Mit „leichtem“ Gepäck zu reisen, ist für ein Interplast-Team schon wegen der an den meisten Zielorten benötigten Instrumente, OP-Materialien und Narkotika unmöglich. Leider gibt es unter den Fluggesellschaften noch kein Abkommen, das Gepäck eines ehrenamtlich in Entwicklungsländern operierenden Teams generell kostenlos zu transportieren.

Umdenken. Verpflegung und Unterkunft gewährte bisher meist das Gastgebende Land. Ebenso Transportmittel, OP Kapazitäten und Personal. Inzwischen haben einige Gastländer die Einsätze von Hilfsteams jedoch als mögliche Einnahmequelle erkannt. In vielen Ländern finden sich mindestens vier bis fünf Organisationen mit einem ähnlichen oder sogar gleichen Behandlungsspektrum wie interplast-germany. Jene aus den USA und Australien sind schon seit längerem bereit, für ihre Einsätze zu bezahlen. Wie dem Jahresbericht 2008 zu entnehmen ist, gibt es sogar eine amerikanische Organisation, die einheimischen Krankenhäusern und Ärzten bei Dokumentation durch Vorher-/Nachherfotos ein „Kopfgeld“ von 200 Dollar für den operativen Verschluss jeder Spalte bezahlt. Dadurch fühlen sich zahlreiche Ärzte und Krankenhäuser ohne Erfahrung plötzlich dazu berufen, sich als zuständig zu empfehlen. Für das Geld werden jedoch vorzugsweise nur die Weichteile der Lippenspalten verschlossen und der Kieferspalt bleibt unberücksichtigt. Um nicht in einen Wettstreit mit solchen Organisationen treten zu müssen, empfiehlt Dr. Nuri Alamuti, Mitglied des vierköpfigen Vorstands von interplast-germany, bereits vor einem Einsatz mit dem Gastgeber etwaige Kosten, die während des Einsatzes entstehen, genau abzuklären. Angemessene Gebühren für Sauerstoffverbrauch, Medikamente, OP Nutzung und Belegung der Krankenhausbetten könnten mit ruhigem Gewissen beglichen werden. Schließlich handelt es sich dabei um Kosten, die auch das Gastgebende Krankenhaus begleichen muss und die vielerorts als zu große Belastung angesehen werden.

CW-Meinung. Das Gebot der Sparsamkeit verhilft Interplast-germany zu einer Bilanz, die vielen Hilfsorganisationen zum Vorbild gereichen sollte. Trotz steigender Schwierigkeiten reisen jedes Jahr zahlreiche deutsche Teams mit hoch motivierten Mitgliedern zu jenen Menschen, die sich eine kosmetische Operation niemals leisten könnten, auch wenn sie in vielen Fällen über-lebensnotwendig ist. Zunehmende Erwartungen und administrative Hürden werden die Einsätze in Zukunft sicher nicht einfacher machen. Doch Dank des außerordentlichen Engagements aller Mitglieder, die es ermöglichen, dass über 90 Prozent der Einnahmen in die Projekte fließen, wird auch weiterhin jeder gespendete Euro dabei helfen, die Welt ein bisschen besser zu machen.

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