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Für eine bessere Spendenkultur
6/9/2011 von Karin Burger
Archivtext

ETN Europäischer Tier – und Naturschutz e. V.

Vom Staatsanwalt befragt, von der Uni Gießen hofiert

Zweifelhafte Tierarzteinsätze
im Ausland
© Anton Gvozdikov - Fotolia.com

In diesen Tagen wird anlässlich internationaler Skandale viel über die „Arroganz der Mächtigen“ diskutiert. In der Tierschutzszene eine der großen Organisationen ist zweifellos der ETN Europäischer Tier- und Naturschutz e. V. Zu einer ganzen Reihe von aktuellen Rechercheergebnissen und Ereignissen rund um diesen Verein hatte CharityWatch.de dessen Vorstand eine ausführliche Presseanfrage geschickt. Ob es nun die „Arroganz“ der Großen ist oder ob der ETN bestimmte Fragen nicht schlüssig beantworten kann, bleibt offen. Tatsache ist, dass die CW-Fragen vom ETN nicht beantwortet wurden. Ob sich der Verein auch gegenüber der derzeit ermittelnden Staatsanwaltschaft Bonn so wortkarg gibt, ist nicht bekannt. Dafür funktionieren der Dialog und die Kooperation mit Wissenschaft und Pharma offensichtlich reibungslos.

Sardinischer Strafantrag. Im März 2011 berichtet die italienische Zeitung L’Unione Sarda über einen Strafantrag gegen den ETN und zwei von ihm beauftragte deutsche Tierärzte. Die Deutschen sollen für das Tierheim „I fratelli minori“ der italienischen Tierschutzorganisation LIDA 103 Hunde und Katzen sowie 78 andere Tiere kastriert haben. Das Auftreten und Vorgehen der deutschen Tierärzte auf der Mittelmeerinsel empörte die nordsardischen Veterinäre derart, dass sie Strafantrag stellten. Deren Präsident, Andrea Sarria, erklärte gegenüber der Zeitung, die deutschen Tierärzte hätten zunächst Kontakt mit ihren Kollegen vor Ort aufnehmen und ihre Aktion ankündigen müssen: „Die deutschen Veterinäre [...] machen, was sie wollen.“ Im Detail verwies Sarria darauf, dass nicht alle Medikamente, die in Deutschland erlaubt sind, auch zwangsläufig in Italien eingesetzt werden dürfen. Alle diese Fragen seien nicht abgeklärt worden. Ganz besonders aufschlussreich sind auch die emotionalen Zwischentöne der Presseauskünfte des italienischen Veterinärs: „Die Deutschen werden wegen ihrer ehrenamtlichen Arbeit als Engel bezeichnet, aber wir Italiener sind keine Teufel.“

Kontraproduktiv. Strafrechtlich wird dieser Vorfall wohl keine Folgen haben. Am 14. Mai 2011 berichtet L’Unione Sarda, dass die Staatsanwältin Elisa Calligaris bereits Anklagen gegen die deutschen Tierärzte ausgeschlossen habe. Dass das selbstherrliche Auftreten deutscher Tierschützer und ihrer akademischen Stäbe sich dennoch kontraproduktiv für den Tierschutz vor Ort auswirken kann, zeigt die Reaktion der sardischen Tierärzte. Die nämlich haben jetzt jeden Kredit für die italienischen Tierschützer gestrichen und verlangen für alle Leistungen sofortige Bezahlung. Bei den deutschen Standesvertretungen der Tierärzteschaft sieht man keinen Handlungsbedarf. Die Bundestierärztekammer verweist auf die Tierärztekammer Nordrhein; die Tierärztekammer Nordrhein verweist auf die Bundestierärztekammer. Weder von dort noch von Ersterer waren klare Vorgaben zu den Rechtsbeziehungen zwischen der deutschen Tierärzteschaft in Verbindung mit Tätigkeiten im Ausland zu erhalten. Gegenüber CW beantwortet der ETN weder die Frage nach dem Vorfall in Sardinien noch die zum Einsatz des ETN-Tierärztepools grundsätzlich.

Verschwundene Hunde. Auch zu den Pressefragen in folgendem Fall hüllt sich der ETN in Schweigen: Jutta Rössing ist eine engagierte Tierfreundin und seit knapp zehn Jahren Mitglied beim ETN. Tief berührt vom Elend der Auslandshunde holte die Tierfreundin 2007 sieben Hunde aus Italien nach Deutschland. Einen dieser behielt Rössing selbst, vier konnten in die nähere Umgebung vermittelt werden. Zwei Hunde händigte Jutta Rössing den Tierschützern aus, denen sie damals vorbehaltlos vertraute: Dieter Ernst und seiner Lebensgefährtin Helli Pries. Das liegt nun vier Jahre zurück. Und genau so lang versucht die Tierfreundin vom ETN irgendetwas über den Verbleib dieser beiden Hunde zu erfahren. Doch dieser antwortete erst nach drei Jahren und der Ankündigung Rössings, mit dem Fall an die Öffentlichkeit zu gehen, mit ganz allgemeinen Floskeln, es gehe den Hunden „Macchiolina“ und „Schizzo“ gut. Insbesondere aufgrund des problematischen Verhaltensprofils des Rüden „Schizzo“ bezweifelt Rössing diese Angabe und hatte unter anderem aktuelle Fotos der Hunde erbeten. Stattdessen schüchterte Götz Bukenberger, Rechtsanwalt und Geschäftsleiter des ETN, das Vereinsmitglied Rössing in einem Brief vom 18. Februar 2011 mit dem Hinweis ein: „Wir möchten Sie daher warnen, diese Ausführungen zu nutzen, um dem ETN zu schaden.“

Staatsanwaltschaft Bonn. Mit „diese Ausführungen“ bezieht Bukenberger sich auf verschiedene ETN-kritische Veröffentlichungen im Internet. Dazu gehört auch die Tatsache, dass die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) in Trier im August 2010 ein Spendensammlungsverbot gegen den ETN für Rheinland-Pfalz aussprach, weil der Verein trotz mehrfacher Aufforderungen seinen gesetzlichen Auskunftspflichten nicht nachgekommen war und aus Sicht des ADD „eine satzungsgemäße Verwendung der Spendengelder nicht sichergestellt ist“. Auch die Staatsanwaltschaft Bonn beschäftigt sich mit dem Verein. Pressesprecherin Angela Wilhelm bestätigt gegenüber CharityWatch.de aktuell, dass die staatsanwaltlichen Ermittlungen gegen den Vereinspräsidenten Heinz Wiescher wegen des Verdachts der Untreue andauern.

Ausbildungskastrationen. In einem ausführlichen Bericht „Studentische Ausbildung in Ägypten“ in der Zeitschrift des Vereins der Freunde und Förderer der Veterinärmedizin an der der Universität Gießen schwärmte Professor Dr. Axel Wehrend, Fachtierarzt für Reproduktionsmedizin an der Justus-Liebig-Universität Gießen, 2009 über die erfolgreiche Zusammenarbeit mit dem ETN. Mit diesem zusammen habe man über einen Zeitraum von zwei Wochen hinweg im August desselben Jahres in Ägypten Hunde und Katzen kastriert und medizinisch versorgt. Der Professor lobt die dadurch den Studierenden der Veterinärmedizin aus dem sechsten und achten Semester gebotene Chance, die „im täglichen Lehrbetrieb nicht möglich gewesen wäre“. Wehrend dazu weiter: „Das individuelle Trainieren handwerklicher Fähigkeiten, das Fangen und eigenständige Vorbereiten des Patienten und der Umgang mit intra- und postoperativen Komplikationen hätte anders als ein einem solchen Einsatz nicht durchgeführt werden können.“

Pharma-Kooperation. Dieses außerhalb des studentischen Curriculums liegende „Ausbildungsangebot“, ermöglicht durch eine Tierschutzorganisation, wurde kräftig von der Pharmaindustrie gesponsert. Im gleichen Artikel bedankt sich Professor Wehrend bei den zahlreichen Pharma-Sponsoren wie Bayer Vital Tiergesundheit, Braun Melsungen und Virbac Tierarzneimittel. Auch der Reiseveranstalter TUI wird als Sponsor erwähnt. Und Ägypten 2009 war nur der Anfang, wie der Professor im gleichen Artikel ankündigt: „Geplant ist, diese Art der Ausbildung für Studierende der Veterinärmedizin regelmäßig in verschiedenen europäischen Ländern zu wiederholen.“

Professoraler Spendenaufruf. Für diese studentische Ausbildung rief der Professor 2009 zu Spenden auf, die vom ETN entgegengenommen würden. Wehrend verwies auf „ein eigenes Spendenkonto […], das nur für diese Art von Studentenexkursionen eingesetzt wird“ und nannte ein Konto des ETN. Die Frage von CharityWatch.de, ob Wehrend wisse, wie viel Geld auf diesem Spendenkonto bisher eingegangen sei, verneint der Professor. Sein relatives Desinteresse daran erklärt sich mit seinem Hinweis, dass seit 2009 kein weiteres Projekt dieser Art stattgefunden habe und auch aktuell nicht geplant sei. Mithin sind die Gelder bisher nicht von Wehrend für dieses Projekt abgerufen worden. Zur Frage, ob er sich vor der Kooperation mit dem ETN über die Seriosität des Vereins kundig gemacht habe, antwortete der Reproduktionsmediziner zynisch: „Wir verlangen keine Führungszeugnisse. Ich gehe davon aus, dass sich 30 Prozent unserer Kooperationspartner schon einmal einer Gesetzesübertretung schuldig gemacht haben.“ Der Spendenzweck „Studentenexkursionen“ führt direkt zu den Fragen, wie solche Einnahmen mit der Satzung des ETN zu vereinbaren sind und was mit den projektgebundenen Spenden passierte. Seit 2009 besteht das von Professor Wehrend genannte Sonderkonto. Weitere Projekte fanden nach seiner Auskunft nicht statt.

Spendensiegelantrag. Als durchgehendes Strukturmerkmal aller vorangegangen Fälle schält sich heraus, dass der ETN immer dann die Kommunikation verweigert, wenn jemand unliebsame Fragen stellt – ob gegenüber der ADD, den eigenen Mitgliedern, italienischen Tierärzten oder der Presse. So allerdings kommt man nicht an das begehrte Spendensiegel des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI). Deshalb stoppte der ETN seinen Antrag dort auch nach einem sich über Jahre erstreckenden Procedere. In einem Schreiben des ETN an Burkhard Wilke, Geschäftsführer des DZI, beklagt sich Götz Bukenberger darüber, für diesen Antrag einen Kostenaufwand von rund 30.000 Euro gehabt zu haben, die nun „nicht für unsere satzungsgemäßen Aufgaben im Tier- und Naturschutz eingesetzt werden“. Dieser Kostenaufwand wiederum verwundert das DZI sehr, seien dort selbst nur etwas über 3.000 Euro Bearbeitungsgebühr angefallen. Wilke korrigiert in einem Antwortschreiben an den ETN die Perspektive: „Kosten für den Wirtschaftsprüfer sind unseres Erachtens nicht dem Spenden-Siegel-Verfahren zuzuordnen, da die Prüfung des Jahresabschlusses durch einen Wirtschaftsprüfer bei einer Organisation Ihrer Größe ohnehin angemessen und zumeist auch üblich ist.“

Kein Spendensiegel. Es ist nicht so, dass das DZI dem ETN das Spendensiegel verweigert hat. Durch die Zurückziehung des Antrags durch den ETN kam es gar nicht zu einer Entscheidung. Der Prüfbericht des DZI jedoch listet auf 18 Seiten allerdings erhebliche Kritikpunkte auf. So bemängelten die Prüfer, dass die in Paragraph 2 der Vereinssatzung vorgesehene weltweite Förderung des Tier- und Naturschutzes nur eingeschränkt erfüllt werde. Auch der Bestandteil „Naturschutz“ im Vereinsnamen werde den tatsächlichen Verhältnissen nur eingeschränkt gerecht. Die Aufsichtsstruktur im ETN sei mangelhaft. Prüfungen der jüngsten Jahresabschlüsse durch einen Wirtschaftsprüfer oder vereidigten Buchprüfer, welche diese Mängel möglicherweise ausgleichen oder mildern könnten, lägen nicht vor. Sehr deutlich: „Die Werbeaussagen des Vereins im Internet, wonach die Mitgliedsbeiträge und Spenden zu mehr als 90 Prozent den eigentlichen Satzungszwecken zugute kommen, sind aus Sicht des DZI irreführend.“

Teures Telefonmarketing. Im Jahr 2005 schloss der ETN laut dem DZI-Prüfbericht einen Vertrag mit einem Telemarketingunternehmen in München, das damit beauftragt wurde, die Mitglieder von Arche 2000, deren Verantwortliche den Verein um Gelder in Millionenhöhe betrogen hatten, zu einem Wechsel zum ETN zu bewegen. 318.000 Euro hat der ETN ausweislich seines Kontennachweises 2005 dem Telemarketing-Unternehmen für diese Anwerbung als Provisionen gezahlt. Das DZI sieht es spendenethisch problematisch, „dass ein Verein mit einer Historie wie der ETN, dessen frühere Vorstandmitglieder Vereinsgelder in zweistelliger Millionenhöhe veruntreut haben, nun die Mitglieder eines anderen, in einen Millionenbetrug verwickelten Verein umwirbt, ihre Mitgliedschaft bei ihm fortzusetzen und mit der Werbeaktion dieselbe Agentur beauftragt, die für Arche 2000 tätig war.“

CW-Meinung. Was sich an Hinweisen und Indizien gegen den ETN anhäuft, ist an sich schon mehr als besorgniserregend. Die ADD erteilt ein Spendensammlungsverbot, der Staatsanwalt ermittelt, das DZI erstellt eine seitenlange Liste von gravierenden Kritikpunkten. Und der ETN selbst trägt nichts dazu bei, die vielen im Raum stehenden Fragen zu klären. Stattdessen werden Spendengelder für ein abseits des üblichen Curriculums liegendes Ausbildungsangebot für Studierende der Veterinärmedizin gesammelt, die fernab jeder Kontrolle im außereuropäischen Ausland unter Sponsoring der Pharma an Tierschutzhunden und –katzen üben dürfen. Und eine angesehene deutsche Universität reicht dazu nicht nur die Hand, sondern ruft für diesen Verein auch noch zu Spenden auf. Wie lässt sich dieser Spendenaufruf mit der ETN-Satzung in Einklang bringen? Was passierte mit den seither gesammelten projektgebundenen Spenden? Aus Sicht von CharityWatch.de wird die bestehende Warnung vor Spenden an diesen Verein aufrechterhalten.

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