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Für eine bessere Spendenkultur
9/16/2010 von Stefan Loipfinger
Archivtext

Leipziger Tafel e.V.

Kontrolle nicht erwünscht

Eine reichlich gedeckte Tafel ist nicht selbstverständlich
Bild: © Dušan Zidar - Fotolia.com

Seit November 2009 wird bei der Leipziger Tafel öffentlich gestritten. Auslöser damals war ein Brandbrief von 20 Mitgliedern, in dem heftige Vorwürfe gegen den Vorstand erhoben wurden. Da der Streit nun schon sehr lange anhält, mehrfach Gerichte beschäftigte und immer wieder vom MDR Fernsehberichte dazu ausgestrahlt wurden, hat sich CharityWatch.de ein eigenes Bild gemacht. Leider fällt dieses sehr düster aus, da der Vorstand konkrete Fragen nicht beantwortet hat, Finanzzahlen nicht offen legt und nach den berechtigten Vorwürfen nichts ändern will. Umso schrecklicher, dass der Bundesverband Deutscher Tafeln nicht angemessen reagiert und größeren Schaden von der extrem wichtigen Tafelbewegung abwendet.

Bargeldbewegungen. Sehr fundiert trugen die 20 Unterstützer beziehungsweise ehemaligen Unterstützer der Leipziger Tafel in ihrem sechsseitigen Schreiben Vorwürfe über “Missstände und Unregelmäßigkeiten” vor. Einer der Kernpunkte ist der „Umgang mit Bargeldspenden“. Denn auch in Leipzig müssen Bedürftige bei einem „Einkauf“ 1,50 Euro an den Tafelverein „spenden“. Bei 10.000 Hilfsbedürftigen, die meist wöchentlich auf die Lebensmittel der Leipziger Tafel zurück greifen, müssten so mindestens 10.000 Euro pro Woche in der Kasse des Vereins landen. Im Jahr also mehr als eine halbe Million Euro. Tatsächlich ausgewiesen werden für 2007 nur gut 140.000 Euro. Die Diskrepanz kann oder will der Vorstand Dr. Werner Wehmer nicht erklären. In einem Fernsehinterview sagte er dazu, man könnte nicht einfach addieren und multiplizieren, obwohl dies doch eigentlich die Grundrechenarten der Buchführung sind.

Fehlende Kontrollen. Laut ehemaliger Mitarbeiter und den Recherchen des MDR wird das Geld nicht einmal in verplombten Dosen gesammelt, sondern in offenen Kassen wie zum Beispiel einer Keksdose. Aber unabhängig davon wäre es viel wichtiger, eine separate Kontrolle über den Inhalt der Gelddose aufzubauen. Von seriösen Tafelvereinen wird zum Beispiel eine Liste geführt, in der Name und „Spende“ notiert werden. Bei der Auszählung muss das Geld dann mit der Summe aus der Liste überein stimmen. Ähnlich vorstellbar wäre eine einfache Registrierkasse, wie sie jedem kleinen Tabakladen vorgeschrieben ist, um Schwarzgeschäfte an der Steuer vorbei zu erschweren. Das will Wehmer aber offensichtlich nicht. Die Frage nach dem warum hat er CharityWatch.de nicht beantwortet. Ob doch was dran ist an den Vorwürfen der ehemaligen Mitarbeiter und Mitglieder, wonach die Ehefrau des Vorstandsvorsitzenden, die angeblich beim Verein als „Koordinatorin“ angestellt ist, über die Gelder bestimmt? Oder wie erklärt sich sonst die hohe Diskrepanz zwischen den hochgerechneten Solleinnahmen und den verbuchten Isteinnahmen?

Bundesverband. Leider keine rühmliche Rolle bei der Angelegenheit spielt der Bundesverband Deutscher Tafeln. Zur Leipziger Praxis befragt, äußerte er sich sehr ausweichend und verwies auf ein Wirtschaftsprüfergutachten, das er aber nicht offen legt. Wie soll dann jemand beurteilen, was überhaupt geprüft wurde? Aber unabhängig von diesem Einzelfall ist noch viel schlimmer, dass der Pressesprecher Michael Draeke die Frage nach der üblichen Praxis und einer allgemeinen Empfehlung des Bundesverbandes überhaupt nicht beantwortet hat. Offenbar gibt es zur Kontrolle der Barspendeneingänge keine Vorschrift für die angeschlossenen eigenständigen Tafelvereine. Damit wird dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet, was besonders ärgerlich für die vielen seriös arbeitenden Tafelvereine ist. Denn viele führen freiwillig ein Kassenbuch oder ähnliches, um eine Kontrolle zu ermöglichen und somit Ruf schädigende Vorwürfe erst überhaupt nicht aufkommen zu lassen.

Kindertafel. Neben den Zweifeln bezüglich der Bargeldspenden muss sich Vorstand Wehner noch jede Menge andere Kritikpunkte gefallen lassen. Einer liegt in der Gründung des Vereins Leipziger Kinder Tafel und Jugend Tafel. Im Vorstand sitzt seit Beginn natürlich Wehmer. Andere Tafelvereine, die speziell für Kinder und Jugendliche etwas tun wollen, gründen Sektionen innerhalb des Hauptvereins. Nicht so Wehmer, der deshalb später den Namen in Leipziger Kinder- und Familienförderung ändern musste. Für den neuen Verein kein großer Nachteil mehr, denn die Schenkung eines großen Immobilienkomplexes in Leipzig war bereits vollzogen worden. Angeblich sollte die Immobilie die Leipziger Tafel erhalten. Tatsächlich ging sie aber an die „Kindertafel“, die später umbenannt wurde und sich nun - bis auf personelle Überschneidungen - von der echten Tafel abgrenzt. Dazu befragt hat Wehmer weder als Vorstand der Leipziger Tafel noch als Vorstand der Leipziger Kinder- und Familienförderung Antworten geliefert.

Mitgliederausschlüsse. Wie häufig bei Streitereien in Vereinen spielt bei der Leipziger Tafel der Ausschluss von unliebsamen Mitgliedern eine Rolle. Ausschlüsse gab es auch dort und Gerichte wurden bemüht. Erst vor einigen Wochen entschieden wieder Richter, dass ein Mitgliederausschluss zu Unrecht geschah und die Person wieder aufgenommen werden müsste.

CW-Meinung. Wer so lange in der Kritik steht und berechtigten Vorwürfen nicht durch einfaches Abstellen begegnet, der verhält sich nicht so, wie es ein seriöser Vorstand in einer solchen Situation tun würde. Werner Wehmer ist deshalb längst nicht mehr tragbar für die Tafel Leipzig und die Tafelbewegung insgesamt. Konsequenter Weise muss vor Spenden an die Leipziger Tafel so lange gewarnt werden, so lange die berechtigten Kritikpunkte nicht beseitigt sind. CharityWatch.de will an dieser Stelle allerdings ausdrücklich betonen, dass damit nicht die vielen anderen, seriös arbeitenden Tafelvereine gemeint sind. Und selbst die Tafel Leipzig wird sofort von der Warnliste gestrichen, sobald durch entsprechende Veränderungen ein wünschenswerter Zustand hergestellt wird. Dem Bundesverband Deutscher Tafeln kann an dieser Stelle nur empfohlen werden, dass er seine Rolle als oberstes Organ ernster nimmt und zum Beispiel endlich Vorgaben zum Umgang mit Bargeldspenden definiert. Ebenso ratsam wäre eine Richtlinie zum Umgang mit den Sachspenden selbst, um in diesem Zusammenhang immer wieder aufkommenden Vorwürfe über Selbstversorgung von Mitarbeitern oder anderen nicht Hilfsbedürftigen entgegen zu treten. Vorgaben zur Transparenz, wie sie andere Dachverbände den Mitgliedern vorschreiben, würden der Tafelbewegung ebenfalls mehr Glaubwürdigkeit verleihen.