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Für eine bessere Spendenkultur
1/28/2010 von Stefan Loipfinger
Archivtext

Professor Hermann Sailer – CCI Cleft Children International

Keine zufriedenstellende Aufklärungsbereitschaft trotz harter Vorwürfe

Massenweise Spendenaufrufe mit sehr emotionalen Bildern
Bild: Susanna Berndt

CCI Cleft Children International leistete fragwürdige Zahlungen an den Gesichtschirurgen Professor Dr. med. Dr. med. dent. Dr. h.c. mult. Hermann Sailer und seine Lebensgefährtin Dr. h.c. Erika Schwob – zumindest belegen das Kopien von Rechnungen und Kontoauszügen, die bereits vor Monaten in der Post von CharityWatch.de landeten. Der in Deutschland geborene Mediziner hatte sich, wie es aussieht, nicht nur teure Spesenabrechnungen vergüten lassen. Mit den Vorwürfen konfrontiert schaltete Sailer sofort Anwälte ein. In einer Stellungnahme wurden von einer im schweizerischen Eglisau ansässigen Treuhandgesellschaft alle Vorwürfe als unbegründet zurückgewiesen. Allerdings nur sehr allgemein. So hieß es etwa, bestimmte Beträge wären von Sailer und seiner Lebensgefährtin zuzüglich Zinsen und Zinseszinsen zurückbezahlt worden, ohne jedoch die Rückzahlungen konkret zu beziffern. Was aber letztendlich „berechtigte Leistungen“ – und auch nach einer Sonderprüfung in Rechnung gestellte Beträge sind – bleibt im Dunkeln.

Organisation. Vor zehn Jahren gründete Hermann Sailer die Cleft Children International als Stiftung in der Schweiz. Diese eröffnete 2004 im indischen Mubai ein Cleft-Zentrum, das nach dem langjährigen Förderer Sir Peter Ustinov benannt ist. Nach dessen Tod wurde dessen Sohn Igor Ustinov in den Stiftungsrat berufen. Anschließend kam es in Deutschland zur Gründung der Professor Hermann Sailer Stiftung gGmbH als Förderorganisation. Ihre gesammelten Spenden werden an die Schweizer Dachvereinigung weitergeleitet. Inzwischen gibt es noch eine weitere Spendensammlungsorganisation in Deutschland sowie je eine in der Schweiz, Italien und in Frankreich. Sie alle überweisen regelmäßig die akquirierten Gelder in die Schweiz.

Vorwürfe. Die Kopien verschiedenster Honorarrechnungen aus den Jahren 2004 und 2005 besagen vieles, zum Beispiel dass Professor Sailer an CCI Arbeitsleistungen mit teilweise 350 Schweizer Franken pro Stunde in Rechnung stellte. Die Bearbeitung von Mails, so steht es dort, berechnete er pro Schreiben mit 120 beziehungsweise 125 Franken. Des weiteren soll CCI diverse Essensrechnungen für Nobelrestaurants wie die Kronenhalle in Zürich ebenso wie Übernachtungen im Taj Mahal Hotel in Bombay oder dem Adlon in Berlin bezahlt haben. Wenn Gäste im Züricher Anwesen von Sailer und seiner Lebensgefährtin Erika Schwob übernachteten, kostete das CCI laut Rechnungskopie 750 Franken pro Nacht. So kam es im September 2004 beispielsweise zu einer Abrechnung der stolzen Summe von 34.250 Franken als „Gästebetreuung E. Schwob“. Mit der Lebensgefährtin von Sailer, die in der Sailer-Privatklinik auch das Beratungszentrum leitete, wurde im Dezember 2004 ein fünfjähriger Geschäftsführungsvertrag für CCI geschlossen. Dieser sah – so steht zu lesen – rückwirkend ab Juni 2004 ein monatliches Salär von 7.500 Franken vor. Und beim Ex-Mann von Lebensgefährtin Erika Schwob wurde ein Büro für 3.600 Franken pro Monat und ein Wohnraum mit Autostellplatz für 1.600 Franken pro Monat gemietet.

Stellungnahme. Die Antworten stammen von der Bruni Treuhand im Auftrag der CCI-Stiftung. Demnach sind jegliche Vorwürfe unbegründet. In Bezug auf die Rechnungen von Sailer an CCI schrieb Bruni: „Aufgrund eines Missverständnisses in der Administration der Privatklinik von Professor Sailer wurden irrtümlich Rechnungen ausgestellt, in denen Leistungen von ihm für die Stiftung CCI mit einem Stundenhonorar von CHF 350 in Rechnung gestellt wurden.“ Offenbar war es über Jahre versehentlich zur Abrechnung unberechtigter Leistungen zusammen mit „berechtigten Leistungen für Sekretariatsaufgaben sowie Arbeiten von Dr. Dr. Meerwald“ (Name von der Redaktion geändert) gekommen, häufig sogar von Lebensgefährtin Schwob zur Zahlung angewiesen. Laut Bruni zahlten Sailer und Schwob alle unberechtigten Zahlungen inklusive drei Prozent Zinsen zurück. Welche Beträge davon betroffen waren, wurde in einer entsprechenden Prüfung festgestellt. Die Aufstellung über die zurück bezahlten Gelder wird nicht zur Verfügung gestellt. Was aber noch viel wichtiger ist: Klare Aussagen, welche Zahlungen als unberechtigt und deshalb später auch nicht mehr vorkommend und welche „berechtigt“ sind, wird nicht klar ausgeführt. Konkrete Punkte einer ergänzenden Presseanfrage von CharityWatch.de blieben unbeantwortet. Die eingeschaltete Anwaltskanzlei Roloff Nitschke schrieb nur allgemein, dass „sämtliche Einnahmen und Ausgaben der Stiftung CCI korrekt verbucht sind“. Laut Mario Nitschke „mangelt es an einem entsprechenden Berichterstattungsanlass“.

Stiftungsrat. Im Januar 2009 veröffentlichte das Schweizer Handelsregister die Reduzierung der Zahl der vorgegebenen Stiftungsräte von bisher sieben bis neun Personen auf drei bis fünf. Anfang 2007 schieden allerdings Igor Ustinov und Dr. Erwin V. Conradi aus dem Stiftungsrat aus, weshalb der Rat zu dem Zeitpunkt statt mit mindestens sieben mit vermutlich nur drei Personen besetzt war. Zur Nichteinhaltung der Vorgabe aus den Statuten ließ CCI nur ausweichend antworten. Eine konkrete Nachfrage mit namentlicher Nennung der Stiftungsräte zu verschiedenen Zeitpunkten, die den Verstoß gegen die Regeln klar aufzeigt, wurde nicht mehr beantwortet.

Unterlassung. Während der Recherchen von CharityWatch.de versuchte die Anwaltskanzlei von CCI, eine Unterlassungserklärung zu erwirken. Dabei ging es um eine Mailanfrage an das Schweizer Top-Model Nadine Strittmatter, in der sich angeblich unrichtige Tatsachenbehauptungen finden. Die Unterlassungserklärung wurde nicht abgegeben. Stattdessen wirbt der Verein weiterhin auf seiner Homepage unter „Freunde“ mit dem Namen Strittmatter. Obwohl sich die hübsche Schweizerin gegenüber CharityWatch.de eindeutig von dem „Freundeskreis“ distanziert: „Ich habe nichts mit diesen Leuten zu tun - außer dass ich mal zu einer Benefizgala eingeladen war (...) außerdem denke ich nicht wirklich zu den ‚Freunden’ der Cleft Stiftung zu gehören, da mein Name ja nicht richtig geschrieben ist auf der Website, was ich höchst peinlich finde...“

Beschwerden. Aufgrund einer schon im April 2008 von CharityWatch.de ausgesprochenen Warnung vor der deutschen Sailer gGmbH sind bereits einige Beschwerden von Spendern eingetroffen. Zum Beispiel heißt es in einem Brief: „Nie habe ich Ihnen die Erlaubnis erteilt, in einem Lastschriftverfahren (...) von meinem Konto abbuchen zu dürfen.“ Oder ähnlich in einem anderen: „Von meinem Girokonto bei der (...) wurden zu unrecht und ohne Erteilung einer Einzugsermächtigung (...) abgebucht.“ Insgesamt sechs solcher Fälle liegen CharityWatch.de bereits vor.

CW-Meinung. Auch wenn die konkreten Vorfälle bezüglich unberechtigter Zahlungen bereits einige Jahre zurück liegen und die Bruni Treuhand sowie die CCI-Anwälte von einer vollständigen Aufarbeitung der missverständlich in Rechnung gestellten Beträge schreiben, ohne aber ausreichende Belege zu liefern, so bleiben doch erhebliche Zweifel. Hat der Professor tatsächlich jahrelang nichts von regelmäßigen versehentlichen Rechnungen und Zahlungen in vier und fünfstelliger Höhe gewusst, die noch dazu meist von seiner Lebensgefährtin angewiesen wurden? Außerdem wäre entscheidend zu wissen, welche Zahlungen „versehentlich“ passierten und bei welchen es sich um „berechtigte Leistungen“ handelt, die vielleicht bis heute der CCI Stiftung in Rechnung gestellt werden. Statt auf 13 Seiten von der Bruni Treuhand nichtssagende Antworten formulieren zu lassen, hätte die angeblich erstellte Abrechnung der zurück gezahlten Fehlüberweisungen ohne großen Aufwand eine klare Abgrenzung von berechtigten und unberechtigten Leistungen geliefert. Aber selbst wenn die Definition aus Spendersicht vertretbar wäre, bleiben das Gehalt an seine Lebensgefährtin Schwob, die gleichzeitig für seine Privatklinik arbeitete, die Mieten an ihren Ex-Mann, die nicht ausreichende Besetzung des Stiftungsrates, die irreführende Werbung mit Nadine Strittmatter und die Beschwerden über nicht erteilte Abbuchungsaufträge. Dass die Sailer-Organisationen zudem nicht bereit sind aussagekräftige Angaben über die Verwendung der Spendengelder zu machen und mit unzumutbar emotionaler Werbung Spendenwillige bedrängen, rundet das traurige Bild nur noch ab.

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