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Für eine bessere Spendenkultur
4/1/2008 von Stefan Loipfinger
Archivtext

Zweifelhafte Tibethilfe

Anzeige als politische Projektarbeit bei Campaign for Tibet

14.700 Euro hat International Campaign for Tibet Deutschland e.V. für eine halbseitige Anzeige in der Süddeutschen Zeitung ausgegeben. In dieser vom Vorstandsvorsitzenden Prof. Dr. Jan Andersson unterzeichneten Erklärung wird Bundeskanzlerin Angela Merkel aufgefordert, sich für die Menschen in Tibet einzusetzen und die Eröffnungszeremonie bei den Olympischen Spielen zu boykottieren. Verbucht werden die Kosten für diesen politischen Aufruf als Öffentlichkeitsarbeit im Sinne der Vereinsziele. Wie ansonsten Projektarbeit und Kosten für Spendenakquise sowie Verwaltung abgegrenzt werden, ist leider nicht nachvollziehbar, weil der Verein den letzten verfügbaren Jahresbericht für 2006 nicht zur Verfügung stellt.

Vorstellung. Die 1988 gegründete Organisation ist seit 2002 mit einem Büro in Deutschland vertreten. Ziel ist es, die Menschenrechtsverletzungen in Tibet öffentlich zu machen und den Menschen vor Ort zu helfen. Aktuell wirbt der Verein auf der Startseite seiner Homepage für Spenden zu Gunsten tibetischer Kinder: „In den letzten Jahren ist die Zahl der tibetischen Flüchtlingskinder weiterhin besorgniserregend hoch geblieben. Die zur Verfügung stehenden Unterbringungsmöglichkeiten sind massiv überfüllt. Helfen Sie jetzt, denn Kinder sind die Schwächsten in der Gesellschaft und bedürfen unseres besonderen Schutzes. In den Händen dieser tibetischen Kinder liegt die Zukunft des Überlebens einer der ältesten Kulturen der Welt. Lassen Sie Tibet nicht im Stich!“

Jahresbericht. Auf Nachfrage war Campaign for Tibet nicht bereit, den Jahresbericht 2006 zur Verfügung zu stellen. Der für Fundraising und Kommunikation zuständige Markus Feiler hat dazu mitgeteilt, dass dies erstmals nach den Olympischen Spielen für 2007 geschehen soll. Eine Begründung für die Verweigerung des 2006er-Berichts hat er nicht gegeben. Sie könnte aber in einer hohen Kostenquote liegen, die in 2007 laut Feiler immer noch bei 37 Prozent lag. Etwas mehr als die Hälfte davon wurde für Spendenwerbung ausgegeben. Rund 15 Prozentpunkte der Einnahmen waren Verwaltungskosten. Somit gingen gerade mal 63 Prozent in die Projektarbeit, wobei allerdings nicht klar ist, was genau darunter zu verstehen ist.

RTL. Spendenakquise für den Verein wird nach Feiler dieses Jahr auch durch RTL erfolgen. In einer Mail teilte er mit: „Unser Hilfsprojekt für tibetische Flüchtlingskinder unterliegt in der Mittelverwendung den äußerst strengen Anforderungen der Stiftung RTL, die uns als Ausrichter des RTL-Spendenmarathons eine Summe im sechsstelligen Bereich zur Verfügung stellen wird. Auch hier sind wir gehalten, äußerst sparsam mit den bereitgestellten Mitteln umzugehen.“ Leider nicht genauer erläutert ist, was unter einer sparsamen Verwendung der Mittel zu verstehen ist.

Spendenwerbung. Über die Methoden zur Spendenakquise hat Feiler ausgeführt: „Im Bereich der Spendenwerbung verzichten wir dezidiert auf Kooperationen mit so genannten Spendenvermittlern, auf erfolgsabhängige Provisionen oder langfristige Berater- oder Serviceverträge. Die notwendige Zusammenarbeit mit Agenturen findet dagegen statt auf der Grundlage von Wettbewerb und Konkurrenz, wodurch wir schon deutliche Einspareffekte erzielt haben. Sämtliche konzeptionelle Arbeit im Bereich der Spendenwerbung wird in unserem Hause geleistet, so dass unser Auftreten gegenüber unseren Förderern und Spendern immer authentisch und mit direktem Bezug zu unserer Arbeit bleibt. Wir verzichten auch ganz dezidiert auf ein umfassendes Merchandisingangebot, wie es bei anderen Vereinen im Tibet-Bereich nicht unüblich ist, da wir den Fokus unserer Arbeit eindeutig im politischen Bereich sehen.“

CW-Meinung. Die Verweigerung, den letzten Jahresbericht 2006 zur Verfügung zu stellen, spricht klar gegen den Verein. Auch der nachrichtlich genannte Anteil an Kosten für die Organisation in 2007 von 37 Prozent ist eindeutig zu hoch. Da stellt sich natürlich schon die Frage, wieso RTL den Verein im Rahmen des Spendenmarathons unterstützen will. Eine klare Begrenzung von Kosten und Vorgaben für eine Mindesttransparenz wären angebracht. Außerdem sollten Spendenwillige darüber aufgeklärt werden, dass der Verein Anzeigen wie in der Süddeutschen Zeitung als Mittel zur Erreichung der Ziele ansieht.