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Für eine bessere Spendenkultur
1/16/2012 von Karin Burger
Archivtext

ora international Deutschland e. V.

„Mängel in der Informationspflicht“

ora hilft in 22 Ländern
©Renate W.-Fotolia.com

ora international Deutschland e. V. ist ein christlich-überkonfessionelles Hilfswerk mit Sitz im nordhessischen Korbach. Der 1981 gegründete Verein verweist auf mehr als 30 Jahre Einsatz im humanitären Bereich. Der Slogan „Wir verändern Kinderleben“ benennt die Zielgruppe dieser Hilfstätigkeit in 22 verschiedenen Ländern. Dabei werden sowohl materielle Unterstützung wie auch medizinische Betreuung geleistet, Kindertagesstätten betrieben, Wasseraufbereitungsanlagen bereitgestellt und Suppenküchen betrieben. Das Spendensiegel des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI) wie auch die Mitgliedschaft im Deutschen Spendenrat sollen die Transparenz und Seriosität der Organisation belegen. Und damit fangen die Probleme an.

Selbstverpflichtungserklärung. Um Mitglied des Deutschen Spendenrats werden zu können und damit dessen Logo werbend einsetzen zu dürfen, müssen die privaten oder kirchlichen Träger für humanitäre Hilfe, Tier-, Arten- und Naturschutz eine so genannte Selbstverpflichtungserklärung unterzeichnen. Damit verpflichten sich die Mitglieder auch, bei der Rechnungslegung die Gesamtausgaben in einer Vier-Sparten-Rechnung darzustellen. Diese berücksichtigt die Aufteilung der einzelnen Summen nach Funktionen oder Bereichen.

Keine Kontrolle? Der Begriff Selbstverpflichtungserklärung genießt allgemein nicht mehr sehr viel Ansehen, seit insbesondere im Lebensmittelbereich verschiedenste Skandale belegen, dass sich Unterzeichner nicht immer an diese Verpflichtungen halten. Auch beim Deutschen Spendenrat findet eine funktionierende Kontrolle ganz offensichtlich nicht statt. Durch den Hinweis eines früheren Mitglieds von ora international wurde CharityWatch.de auf die Organisation aufmerksam. Dabei stellte sich heraus, dass der humanitäre Verein im Geschäftsbericht 2008/2009 keine Vier-Sparten-Rechnung offenlegte. Dabei interessiert bei Einnahmen in Höhe von 6,8 Millionen Euro sehr wohl, für welche Bereiche und Funktionen im Einzelnen dieser stattliche Betrag verwendet wird. Eine erste Anfrage hierzu beantwortet der Verein mit dem aussagekräftigen Hinweis darauf, dass das Fehlen der Vier-Sparten-Rechnung vom Deutschen Spendenrat bisher auch nicht moniert wurde. Eben!

Fehlende Informationen. Über die fehlende Vier-Sparten-Rechnung hinaus wies der Jahresbericht auch keine Informationen zu Provisionen und Erfolgsbeteiligungen (Punkt 6 b der Selbstverpflichtungserklärung des Deutschen Spendenrats) sowie zu Hinweisen darauf aus, ob Spenden an andere Organisationen weitergeleitet werden. Da ora international in 22 verschiedenen Ländern tätig ist und dabei gemäß den Projektbeschreibungen auch mit anderen Organisationen kooperiert, kommt diesem Transparenzkriterium besondere Bedeutung zu. Eine vom Verein in Reaktion auf die Kritik vorgelegte Vier-Sparten-Rechnung für 2009/2010 erfüllt nach Meinung der Redaktion erneut die geforderten Kriterien nicht.

Aufgehobene Personalverflechtung. Ein weiterer Kritikpunkt zu Beginn der CW-Recherchen war die frühere personelle Verflechtung. Bis April 2011 war Heinrich Floreck erster Vorsitzender des Vereins. Sein Sohn Matthias Floreck fungierte gleichzeitig als Geschäftsführer. Diese Konstellation, die nach Stellungnahme des Vorstands immer nur als eine vorübergehende konzipiert war, änderte sich im Frühjahr 2011, als Heinrich Floreck von allen Ämtern zurücktrat. Als Nachfolger wurde von der Mitgliederversammlung der Sohn Matthias gewählt, der nahtlos in die Vereinsführung einfädelte. Diese Amtsübergabe unter Familienangehörigen „befremdete“ einen langjährigen Spender derart, dass es aus dem Förderkreis austrat und jede materielle Unterstützung einstellte. Das Kündigungsschreiben begründet diesen radikalen Schritt mit: „Wer fremdes Geld verwaltet, sollte keinesfalls Familienangehörige ins Boot holen, um ja keinen Argwohn zu wecken.“

Beschwerde Schiedsausschuss. Der Vorstand von ora international reagierte von Anfang an freundlich und konstruktiv auf die kritische Anfrage von CW. Kein Konsens jedoch war zur Notwendigkeit der Vier-Sparten-Rechnung beziehungsweise dazu zu erzielen, wie diese nun korrekt auszusehen habe. Daraufhin reichte CharityWatch.de beim Schiedsausschuss des Deutschen Spendenrats eine Beschwerde zu verschiedenen Punkten gegen das Mitglied ora ein.

Ermahnung Spendenrat. Nach einer Bearbeitungszeit von knapp vier Monaten lag der Schiedsspruch des Deutschen Spendenrates vor: „Die Beschwerde ist begründet. ora International Deutschland e. V. hat gegen die Ziffern 6 a., b. und d. der Selbstverpflichtungserklärung verstoßen. […] Der Schiedsausschuss des Deutschen Spendenrates e. V. spricht hierfür eine Ermahnung wegen Mängel in der Informationspflicht aus und fordert ora International Deutschland e. V. auf, die Grundsätze der Selbstverpflichtungserklärung zukünftig korrekt umzusetzen […].“

Status quo ante. Die neuerliche Presseanfrage an den Vereinsvorstand zur Reaktion auf die Rüge des Spendenrates beantwortet dieser mit dem Hinweis darauf, die Ermahnung zur Kenntnis genommen zu haben und künftig der unterzeichneten Selbstverpflichtungserklärung gemäß zu handeln. Allerdings weist der Jahresbericht 2010, der auf der Website des Vereins abrufbar ist, nach wie vor keine Vier-Sparten-Rechnung wie vom Spendenrat gefordert auf. Die Projektförderung im Finanzjahr 2009/2010 auf Seite 24 des Berichts beläuft sich auf über 5,2 Millionen Euro. Diese Summe taucht in der Vier-Sparten-Rechnung auf Seite 28 des Berichts nicht mehr auf. Dort wurden bis zum 9. Januar 2012 unter der Bezeichnung „Projektförderung“ lediglich 291.000 Euro aufgeführt. Diese Bezeichnung wurde dann in „Projektbegleitung“ geändert. Die Summe der Ausgaben in der Vier-Sparten-Rechnung beträgt 1,5 Millionen Euro. Tatsächlich aber liegt sie, wie die Tabelle der Mittelverwendung auch ausweist, bei über 6,7 Millionen Euro. Somit fehlen in der Sparten-Rechnung mit der Projektförderung 78 Prozent der Gesamtausgaben. Punkt 6 b der Selbstverpflichtungserklärung steckt im Fließtext des Geschäftsberichts auf Seite 5: „Im Geschäftsjahr sind keinerlei Provisionen oder Erfolgsbeteiligungen ausgezahlt worden.“ Punkt 6 d muss sich der Interessiert mühsam bei den Beschreibungen der einzelnen Projekte zusammensuchen. Wer sich diesen Mühen nicht unterziehen möchte, kann die Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen fragen, ob sie die Antworten kennt. Wie gründlich hat sie Transparenz und Seriosität dieser Organisation geprüft, bevor sie sich mit ihrem Konterfei und dem Statement „Es muss unser gemeinsames Bestreben sein, insbesondere Kindern ein glückliches, gesundes und friedliches Aufwachsen zu ermöglichen“ auf der Website des Vereins abbilden ließ?

CW-Meinung. Der Fall ora international Deutschland e. V. bestätigt alle Vorurteile, welche die Bürger gegen Selbstverpflichtungserklärungen haben. Außerdem wirft er mehr Fragen auf als er beantwortet: Welche Aussagekraft hat eine solche Erklärung und damit die Mitgliedschaft im Deutschen Spendenrat, wenn deren Nichteinhaltung erst nach Presseanfragen und Anrufung des Schiedsausschusses bemerkt und gerügt wird? Warum will ora international Deutschland e. V. partout nicht die 5,2 Millionen Euro Projektförderung in der Vier-Sparten-Rechnung ausweisen? Warum werden die 290.000 Euro in der Sparten-Rechnung erst als „Projektförderung“, dann als „Projektbegleitung betitelt? Warum bietet der Jahresbericht keine einfache Übersicht darüber, an welche anderen Organisationen welche Spendenbeträge weitergeleitet wurden? Wo nach so vielen Presseanfragen, Korrespondenzen, einer Schiedsausschuss-Anrufung mit anschließender Rüge noch derart viele Fragen offen bleiben, sollten sich Spender genau überlegen, ob dieser Fragenberg ein Ausweis von Transparenz sein kann.

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