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Für eine bessere Spendenkultur
4/30/2010 von Dr. Susanna Berndt
Archivtext

CharityWatch.de besuchte Team von Interplast-germany in Südvietnam

Die german doctors im Mekong Delta

Verbrennungen wurden ebenfalls kostenlos operiert
Bild: Dr. Susanna Berndt

Da standen sie: Mütter, Väter, Großeltern und andere Verwandte mit Kindern aller Altersstufen. Hoffnung stand in ihren Augen und Angst. Angst, es könnte nicht wahr sein, was vom 14. bis zum 28. März auf dem Banner über dem Eingang der Augenklinik von Can Tho zu lesen war: „Ein herzliches Willkommen dem deutschen Ärzteteam, das Kinder mit Verbrennungen oder Lippen- und Gaumenspalten kostenlos operiert.“ Und die Bilanz des Teams von interplast-germany kann sich sehen lassen. Für 210 Euro Spendengeld pro Operation erhielten 84 Patienten professionelle Hilfe – schnell und unbürokratisch.

Hintergrund. Die Schlange der wartenden Familien zog sich durch das gesamte Treppenhaus des Krankenhauses. Einige hatten von sich aus die Klinik aufgesucht. Die Nachricht von den kostenlosen Operationen war bereits vor Monaten verbreitet worden. Den meisten jedoch fehlte sogar das Geld für die Anreise. Sie stammen aus dem Mekong Delta und leben unter der Armutsgrenze, die in Vietnam bei einem Verdienst von unter zehn Dollar pro Monat liegt. Hilfe bietet ihnen ein Komitee für arme Menschen. Finanziert durch Spenden bringt es geeignete Patienten aus dem gesamten Delta nach Can Tho in die Klinik für Augenheilkunde und für Mund-Gesicht-Kiefer-Chirurgie. Der Verein sorgt für Unterbringung und Versorgung der Kinder und Jugendlichen bis sie nach der Operation entlassen werden. Nur die Mütter von Säuglingen und Kleinkindern dürfen bleiben. Alle anderen Begleitpersonen müssen die Nächte auf der Straße verbringen. Ein Umstand, der in den untersten Schichten von Vietnam keine außergewöhnliche Situation darstellt.

Voruntersuchung. Beinahe 50 Patienten waren zum Screening, der Voruntersuchung, erschienen und noch einmal so viele wurden zu einem weiteren Screening eine Woche später erwartet. Mit ängstlichem Blick und bittendem Lächeln streckten die begleitenden Verwandten den Ärzten ihre Kinder entgegen. Kann der german doctor helfen? Wird er die Fehlbildung verschwinden lassen? Ganz abgesehen von den Schwierigkeiten, die Lippen- und Gaumenspalten bei der Nahrungsaufnahme oder dem Sprechen lernen bereiten, so ist unsere Welt vor allem eine Welt der Äußerlichkeiten. Abnormitäten, die abseits unseres ästhetischen Empfindens liegen, werden trotz aller humanitärer Bemühungen in den meisten Fällen mit Spott, abweisendem Verhalten oder gar Ausschluss aus der Gesellschaft bestraft. Da nützen selbst das freundlichste Wesen und der intelligenteste Geist nicht viel. Nach Zustimmung der beiden Anästhesisten Dr. Evgeni Khaet und Dr. Isabelle Huynh-Bui ließen die Chirurgen Dr. Günter Zabel und Dr. Peter Schachner die meisten der Wartenden für eine Operation vormerken.

Risikopatienten. Abgewiesen wurden wenige, darunter ein Säugling, der mit viereinhalb Monaten noch zu jung war. Außerdem ein fünfjähriger Junge, der neben einer zurückgebliebenen körperlichen Entwicklung und zu wenig Gewicht Symptome aufwies, die auf weitere Fehlbildungen, etwa der inneren Organe, schließen ließen. 20 bis 25 Prozent der Menschen mit Lippen- und Gaumenspalten leiden an zusätzlichen Fehlbildungen, die jedoch nur mit einer genauen Diagnose festzustellen sind. Ohne Ultraschall und andere geeignete Instrumente müssen sich die german doctors beim Screening auf ihre Erfahrung verlassen. Dabei darf ihnen kein Fehler unterlaufen. Eine falsche Einschätzung könnte zu Komplikationen führen und Komplikationen ohne Intensivstation im Hintergrund bedeuten schnell den Tod. Abgesehen von der Tragödie selbst wäre dann das Vertrauen in die deutschen Ärzte verloren. Eine erneute Einladung würde bestimmt nicht mehr ausgesprochen und die engagierten Mediziner könnten niemandem mehr helfen. Das dürfte auch der Grund sein, warum den Jungen bis heute noch kein Chirurg einer anderen Hilfsorganisation angerührt hat. Es bleibt die Frage: Was wird aus dem Jungen? Er bräuchte dringend eine vollständige Diagnose und anschließend die notwendigen Operationen. Wer aber soll das bezahlen? Ebenfalls abgewiesen wurden ein apathisch wirkendes Mädchen, das allem Anschein nach mit einem Wasserkopf behaftet ist, sowie ein Kind mit Down-Syndrom, dessen junge Mutter hoffte, die geistige und sprachliche Entwicklungsverzögerung ihres Kindes könnte mit einer Operation behoben werden. Dass ihr jemand vom einheimischen Personal erklärte, warum ihr Kind anders ist, steht zu bezweifeln. Jeder weiß, wie stark sich der Glaube an böse Geister und Krankheitsdämonen im Glauben des einfachen Volkes hält. So liegt es an der jungen Frau, selbst herauszufinden, dass ihr Kind mit viel Liebe und Zuneigung auf seine ganz eigene Art wachsen und glücklich sein wird, ohne jemals erwachsen zu werden, zumindest nicht im allgemeinen Sinne.

Team. Nachdem das Team um Dr. Zabel die Operationstische bereits am Vortag vorbereitet hatte, gleich nach der Anreise aus Saigon, ging es nach dem wenige Stunden dauernden Screening sofort an die Arbeit. Während sich der Kieferchirurg Schachner der Gaumenspalte eines vierjährigen Mädchens widmete, begann der plastische und Hand-Chirurg Zabel mit den Verbrennungen eines fünfjährigen Jungen, um ihm einen Teil der Beweglichkeit seines Armes zurückzugeben. Der Anfang einer langen Reihe von Patienten, die in den kommenden zwölf Tagen nicht nur mehr Lebensqualität, sondern auch eine Chance auf ein menschenwürdigeres Dasein erhielten. Undenkbar wäre ein solcher Einsatz ohne die vier übrigen Mitglieder des Teams: Die beiden Operationsschwestern Marianne Zabel und Monika Homann sowie die zwei Anästhesiepfleger Uwe Henisch und Ludger Homann.

Motiv. Was aber bewegt anerkannte Mediziner ihre Urlaube in einfachen einheimischen Unterkünften abseits der touristischen Ziele zu verbringen? „Das wurde ich schon oft gefragt“, antwortet Zabel. „Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht mehr.“ Umso besser erinnert er sich an seinen ersten Einsatzort: Pakistan, kurz nach dem Krieg. Es gab viele Kriegsverletzungen, ein weites Betätigungsfeld für einen plastischen Chirurgen. Vermutlich wird es einfach zur Sucht, wenn man sich einmal auf ein solches Abenteuer eingelassen hat. Kaum ein aktives interplast-Mitglied belässt es bei einem einzigen Einsatz. Auch Schachner war schon oft dabei. Ihm steht das Bedürfnis zu helfen ins Gesicht geschrieben, ebenso wie der Schmerz, wenn er untätig bleiben muss, etwa weil der Anästhesist die Operation nicht freigibt, oder weil er weiß, dass selbst der begnadetste Chirurg dem Betroffenem nicht helfen kann. Und alle Teammitglieder sind sich einig, dass solche Einsätze ein guter Weg sind, andere ein wenig an dem Glück teilhaben zu lassen, das einem selbst widerfuhr, etwa Studium und Ausbildung, die Lebensqualität im eigenen Land und der Wohlstand im eigenen Haus.

Organisation. Eine der wichtigsten Funktionen kam bei diesem Einsatz an der weit verzweigten Mündung des Mekong Dr. Isabelle Huynh-Bui zu. Die in Deutschland ansässige und ausgebildete Anästhesistin ist in Vietnam geboren und hatte sich der Organisation des Aufenthaltes angenommen. Zusätzlich betätigte sie sich als Dolmetscherin. Ohne sie würde sich die Kommunikation mit den Einheimischen schwierig gestalten, spricht doch selbst im Krankenhaus nur ein einziger des medizinischen Personals Englisch. Ihr war es zu verdanken, dass bereits am Vormittag des ersten Arbeitstages die ersten Patienten auf den Operationstischen lagen. „Zeit ist Geld“, lautet das Motto der Ärzte und ihr Wunsch ist es, so viele Bedürftige wie möglich versorgt zu sehen.

Verstärkung. Insgesamt acht Mediziner von interplast-germany reisten aus Deutschland an. Auf eigene Kosten brachten sie vier weitere Helfer mit, ihre Kinder: eine Physiotherapeutin, zwei Medizinstudentinnen und einen Anästhesiepfleger. Noch fehlt ihnen die langjährige praktische Erfahrung, die jedes aktive interplast Mitglied auszeichnet, doch mit der direkten Konfrontation vor Ort ist der Grundstein für künftige Hilfsbereitschaft bestimmt gelegt. Da Can Tho abgesehen von den schwimmenden Märkten kaum touristische Attraktionen zu bieten hat und das Hotel weder Swimmingpool noch irgendeine andere Unterhaltung, muss es wohl der Wunsch zu lernen und zu helfen sein, der die drei jungen Frauen und den Mann dazu bewegte, mitzureisen.

Kosten. 19.455 Euro kostete der 14-tägige Aufenthalt des deutschen Ärzteteams, 14.000 Euro die acht Economy-Flüge von Frankfurt nach Saigon mit Vietnam Airline. Übrigens die einzige Airline, die Von Deutschland direkt nach Saigon fliegt, außerdem erlaubt sie 30 Kilo Gepäck pro Person im Gegensatz zu den 20 Kilo etwa bei Lufthansa. Und die Höhe des Freigepäcks ist bei solchen Einsätzen nicht unwichtig, werden doch stets medizinische Materialien mitgeführt - vom chirurgischen Besteck bis hin zu diversen Medikamenten. Übergepäck kommt das Team meist teuer zu stehen. Die Kosten für Übernachtung und Essen betrugen 1.530 Euro. Dr. Huynh-Bui konnte in einem nahe der Klinik liegenden Mittelklassehotel für Vietnamesen dieselben Preise erhalten, wie sie auch den Einheimischen gewährt werden. Die übrigen Ausgaben betrafen 756 Euro für sonstige Reisekosten wie den Transfer ins Mekong Delta, 1.270 Euro für die Benutzung der Operationsräume und Verbrauchsmaterialien sowie 400 Euro direkte finanzielle Hilfe für bedürftige Familien sowie 1.500 Euro als Spende für die vietnamesische Hilfsorganisation HBTBNN. Abzüglich der finanziellen Unterstützungen konnte mit einem Budget von 17.500 Euro insgesamt 84 Patienten geholfen werden. Die Kosten für die Flüge übernahm der Förderverein pro interplast Seligenstadt. Schmerzmittel und andere medizinische Geräte sponserte der Ebersberger Förderverein Interplast EFI und schickte sie vorab an das Krankenhaus.

Alternativen. Nun bleibt noch die Frage, ob sich so ein Einsatz überhaupt lohnt, ob es nicht sinnvoller wäre, die Kinder von einheimischen Ärzten operieren zu lassen. Für 210 Euro pro Patient in Vietnam nicht nur einen qualifizierten Chirurgen zu finden, sondern auch Krankenhaus, Personal und medizinische Materialien zu bezahlen, dürfte schwierig sein, einmal davon abgesehen, dass einheimische Ärzte nicht besonders großes Interesse an der Kieferchirurgie haben. Sie bringt zu wenig ein. Auch muss sich jemand bereit erklären, die Patienten einzusammeln und sie vor, während und nach der Operation zu versorgen. Krankenhausaufenthalte sind teuer. Zwar gibt es seit vier Jahren ein Gesundheitsprogramm für das Mekong-Delta, das den Verantwortlichen der Provinzen finanzielle Mittel zur Verfügung stellt. Außerdem werden neue Krankenhäuser gebaut und die Ausstattungen der alten modernisiert. Doch zeigt sich bei näherem Hinsehen, dass etwa die neu eingeführte Krankenversicherung, mit der inzwischen über 600.000 bedürftige Menschen versehen wurden, gerade einmal die notwendigste Grundversorgung darstellt und beispielsweise keine Operationen beinhaltet. So ist es noch ein weiter Weg, bis für alle 80 Millionen Einwohner Vietnams die medizinische Mindestversorgung auch nur annähernd gedeckt sein wird.

CW-Meinung. Vietnam stellt ein gutes Ziel für Hilfsorganisationen dar. Nicht nur deutsche, auch solche aus Amerika, Australien, Korea und vielen anderen wohlhabenden Ländern tummeln sich hier. Viele von ihnen arbeiten sicher genauso gewissenhaft wie die Ärzte der deutschen Teams. Doch hört man auch anderes. Dass amerikanische wie Smile train Kopfgelder für jede operierte Lippenspalte bezahlen. Vorher Nachher Fotos genügen und die Qualität spielt keine Rolle, ebenso wenig wie die Nachsorge. Oder koreanische, die ihre eben graduierten Ärzte aussenden, damit sie Erfahrungen sammeln. Keine gute Voraussetzung, insbesondere wenn es sich bei den Patienten um Kinder handelt. Und bestimmt suchen sich nicht so erfahrene Teams beim Screening Patienten mit leicht zu schließenden Lippenspalten heraus und schicken alle anderen einfach wieder weg. So waren die Ängste in den Augen der Mütter, Väter, Großeltern und anderen Verwandten dann doch nicht unbegründet, als sie sich in der langen Schlange im Treppenhaus der Augenklinik anstellten. Aber das deutsche Ärzteteam hielt, was das Banner über dem Klinikeingang versprach: Kostenlose Operationen bei Verbrennungen, Lippen- und Gaumenspalten. Mit 210 Euro pro Patient eine durchaus vernünftige Verwendung von Spendengeldern.

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